Daß ich auf Hitler komme, ist der gestrigen Nacht anzulasten. Ich lag lange wach und dachte an dieses und jenes, nicht an den Mann, dem es gelungen ist, einen halbwegs verbreiteten, zu einer bestimmten Zeit sogar überaus populären Namen für unabsehbar lange Zeit gleichsam zu sperren. Wer hat nach 1945 sein Kind noch Adolf genannt? Abgesehen von jenen Verzweifelten, deren Trotz oder Stolz ihnen aufgab, nicht einzuknicken, und die deshalb annahmen, es sei ein Recht, die eigenen Kinder als Paradefiguren des deutschen Widerstands gegen die Umerziehung sichtbar antreten zu lassen – abgesehen von jenen Verzweifelten und Unverbesserlichen, die demnächst nun endlich alle tot sind, aber ihre Annahme nicht beerdigt sehen möchten, daß diese Type mit dem von beiden Seiten beschnittenen Oberlippenbart, dem eingehalfterten Oberkörper und der Hose, die fast bis an die Brustwarzen hochgezogen werden mußte oder sollte, einmal Deutschlands Rettung darstellte, – abgesehen von jenen Irrwitzigen weiß nun jeder (bis auf weiteres), daß Adolf Hitler ein grotesker Fehlversuch der europäischen Geschichte war, den leeren Kaiserthron ersatzweise zu besetzen und ein geeintes Europa nach deutscher Fasson zu erzwingen. Ich sah gestern nacht noch Hitler – eine Karriere, den Film, der 1977 zahllose Debatten hervorrief und Joachim Clemens Fest, damals bereits Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen, bekannter werden ließ. Ich sah Filmausschnitt nach Filmausschnitt der Reisen und Reden des selbsternannten Führers der Deutschen und verödete mit jeder weiteren Filmminute. Zwanzig Minuten vor Schluß des Bilderbogens empfand ich unfaßbares Mitleid mit allen Beteiligten, sogar mit den ekligen Mitläufern, die es nicht besser wissen, als man es ihnen sagt. Deutschland, ein Wirbel um H. Tausend Veranstaltungen mit Reden und Prügeleien und Fahnen und Standarten und den Hoheitszeichen inszenierter Imperialität, alles behauptet und leer, seelisch arm und geistig verkümmert, daß Abscheu gar nicht mehr greift. Man sieht Menschen zu, die sich freuen oder freuen wollen, die hoffen und wünschen und diesem Ausdrang einen Namen meinen anheften zu können. Das ist rührend dumm und wahnwitzig. Und der mit dem Bart und dem Sturmriemen meint seinerseits, diese irrwitzige Hoffnung aufnehmen und lenken zu können und ein ganzes Land, nicht unwichtig in Europa, dorthin zu führen, wohin es angeblich gehört. Eine romantische Naivität, ein verbrecherisches Vergehen. Hitler – eine groteske Fehleinschätzung. Und die toten Millionen auf Deutschlands Konten.
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