Fülle und Rausch 2

Ich weiß nun erneut, warum ich schreiben muß und weshalb reden allein nicht reicht. Reden verpladdert im Moment des Geschehens, Schreiben setzt sichtbare Zeichen auf den Grund. Man muß sich wehren, denn die Tage schlagen mit Getöse auf die menschlichen Sinne. Das macht zurückweichen. Das drückt und quetscht. Der Körper weiß es als erstes. Nein, ruft er wieder und wieder, wir sind nicht stabil. Bis das blöde Hirn das endlich versteht, kann es dauern. Nach einer Weile sind wir schon recht demoliert – Körper, Seele, Geist. Vom Herzen hier zu schweigen. Nein, ich werde in dieser Stadt nicht eingewickelt in einen Teigmantel und in die Vitrine zur Straße und zum Kauf hin in Augenhöhe positioniert. Schluß damit, ich kann sprechen, ich werde schreiben. Neapel wird mir eine Lehre des Reisens und Lebens. Erneut Geböller, eine Möwe schreit. Jemand ist aus der Haft entlassen oder ein Deal ging gut. So feiert man das hier. Ein Uhr siebendreißig nach der Zeitumstellung.

Fülle und Rausch 2

Im Wald würde ich mich fürchten, hier aber …

Wer reist, kommt nicht hinterher. Mit nichts. Die Gedanken sind unterwegs wo hängen geblieben, die Gefühle kippeln hin und her. Ideen irrlichtern schwach. Meine Handgelenke sind zerstochen von Mücken, die hier einfliegen wie geladene Gäste. Ich konnte erst eine erschlagen. Katzengewimmer, ein Feuerwerk, Glockengebimmel. In die nächtliche Stille gerät ein Geräusch, als schnippe jemand mit dem Fingernagel auf eine leere Glasflasche, regelmäßig unregelmäßig, exakt nervenzehrend, als solle ich auf die Probe gestellt werden, ob es nämlich möglich sei, daß ich mich vergäße. Ich lief durch Gassen, die waren schmal, als hätte mit einem stumpfen Messer jemand sie lieblos in den Leib der dampfenden Stadt geschnitten und auf die Schnelle. Zackratsch, zackratsch, etliche Male, das muß reichen, in die Seitenwände drückst du Menschen, die lieben die Höhlen, die schaffen das und freuen sich gleich, daß sie überleben. Woanders die Schädelbänke des Todes, pittoresk in Reihen und Höhen gestapelt, als sei morgen Besichtigung des Obersten Totenwarts angekündigt, zugleich aber familiär und zutraulich, als wären alle Herzen rein und für immer. Vermutlich tropft es von der Wäscheleine auf ein abgestelltes Moped, und das ergibt ein Geräusch, das mich wachhält und überdenken läßt, was hier los ist. Ich weiß ja nicht, warum was geschieht.

Im Wald würde ich mich fürchten, hier aber …

Auf alles gefaßt

In den Flugzeugen sind wir Frachtmasse, in den Dosen überdauert die Fruchtmasse. Absturz, Untergang, Verwahrung. Fährfahrten, Busfahrten, Seilbahnfahrten. Niemand wird bleiben. Bilder gerahmt, Atmosphären beschnuppert, Gefahren geahnt. Es wurde geschossen, nicht weit von hier erstochen. Schauerliche Nähe: Macht, Tod, Gewalt. Nasenbluten im Lift auf der Fahrt in die Skybar. Sonne Mond Sterne. Wenn es eine Stadt unter der Stadt gibt, dann gibt es auch eine über ihr. Der Himmel ist ihr Unteranstrich.

Auf alles gefaßt

Fülle und Rausch

Gute Zeit – Herbst – nachzudenken, warum ich tue, was hier zu sehen und zu lesen ist. Selbstdarstellung – Darstellung wessen? Warum sollte sich ein Wesen darstellen müssen, dessen Existenz nicht in Frage steht? Niemand hat je behauptet oder gefordert, ich solle nicht sein. Man läßt mich. Warum also auf solche Weise hervortreten?

Früher dachte ich, eine Theorie des Fehlens müßte geeignet sein, das künstlerische Tun und den literarischen Antrieb zu erklären. Das Fehlende müsse ergänzt werden, manche Menschen trügen es hinzu.

Nun ist mir aber, als stehe die Existenz des Menschen buchstäblich in Frage. Immerhin also werde ich mich wehren und notfalls tun, als sei ich wichtig, wenn die Abschaffung des Menschen voranschreitet, die er selbst inszeniert, nur daß es personal „er“ nicht gibt.

Man sollte, dies vielleicht zur Entgegnung, ein vollständiges Leben als Mensch anstreben, mit Umwegen, Abwegen, Irrwegen auch. Die ausgespannten Systeme mögen das nicht, sie wünschen und formen uns funktional.

Fülle und Rausch

Linien, Risse, Dellen

Fahre ich hinaus in die Welt, flächig und entfernungsbestimmt, weiß ich nicht und kann ich nicht wissen, was durch solche Beweglichkeit bewirkt, erreicht, erkannt ist. Ich schwebe zurück, unsicher wie betäubt, jedesmal und wie seit immer schon unwissend, nachbeatmend, außer Tritt. Früherfrüher dachte ich nicht derart über das Reisen, also fiel es mir leichter. Heute ahne ich, was auf mich zukommt, und wappne mich. Man sagt Revolution. Ich bin dafür, aber rate ab.

Linien, Risse, Dellen

Einst waren wir Götter

Die Zeit der „literarischen Blogs“ ist vorbei. Die Inhalte streben anderen Formen zu oder verschwinden leise im Wirbel des Geschehens und des Nichtgeschehens. Die Mode ist durch, die letzten Angestellten der Trupps sammeln die Requisiten ein. Der Saal ist leer. Entweder wird er geschlossen oder abgerissen. Mir ist, als sei er kaum bespielt worden. Entsprechend mache ich weiter. Ich bin auch nicht „literarisch“, das klingt wie gewollt oder künstlich. Poesie ist die Muttersprache der Menschheit.

Einst waren wir Götter

Die notwendige Freiheit

In den Familien ist viel los. Man könnte einiges aufwirbeln. Damit dies nicht geschieht, sind Wächter berufen. Sie halten Linie und bestimmen die Grenze. Es gibt ein erlaubtes und erwünschtes Sprechen innerhalb der von ihnen bewachten Grenzen, ein unerlaubtes und unerwünschtes außerhalb ihres Wirkens. Daß das Unerlaubte nicht eindringe ins Erlaubte, ist Maßgabe des Traditionsvereins. In Traditionspflege kommen die Mitglieder zusammen und prosten sich zu. Grandios, wenn niemand mehr irgendwas zu verteidigen hat. Dann beginnt die Sache von vorn. Schon wird es schwierig, schon hört man Stimmen. Frei zu sein ist eine süße Chimäre. Andererseits …

Die notwendige Freiheit

Geisterfahrten

Könnte ich mich erklären lassen durch die Gegend, aus der ich stamme, wäre mir das lieb. Seht nur, diese Höhenlinie, und dort hinten, beinahe unsichtbar, der große Fluß, fast schon ein Strom, der fließt ins Meer. Unter solchen Himmeln begann ein Leben, es roch nach Blut und Wonne, und im Winter war es kalt genug für Schlachtung. Leben ernährt sich von Leben, wir lutschen nicht Steine. Auf dem Friedhof lagern die Leichen der Geliebten. Selbstvergessen ließe sich dort wandeln. Ich bin nur nicht mehr dort, der Gang der Dinge hat das verboten. Ich bin kein gehorsames Kind.

Geisterfahrten