Tümpel

„das mit Untrost verschandelte Herz“, schönster Vers Gerhard Falkners aus so beginnen am körper die tage. In einem solchen Zustand des Untrostes heute das meine. Begann es des Mittags, als ich nicht aus dem Bett wollte und das Bett warm war und ich endlos weiterträumen mochte, sinnlos, unzusammenhängend, willkürlich? Im Bad hätte ich mir fast das Ohr angeschnitten, versehentlich, denn da wuchs ein Haar auf ihm, ich zielte daneben und erwischte die Muschel. Schreckensbleich in die Küche, wo Kaffee zuzubereiten und eine Tagesportion Essen abzupacken war. Zurück ins Bad, nichts Schlimmes, die Ohrwunde oberflächlich. Ich spüre sie jetzt noch, acht Minuten nach Mitternacht. Habe nachgesehen: der Mond ist nicht schuld, Mondsichel abnehmend, noch kein verfluchter Neumond, Nullpunkt, Nichtslicht. Im Bett morgens hatte ich den Clip der Grünen-Fraktionsvorsitzenden gehört und gesehen, auf dem sie vorliest, was die Anonymen ihr schreiben und wie sie drohen. Ungeheuerliche Phantasien der Menschen ohne Sinn und Halt und Herzensbildung. Gehässige Meute, feige, rudelhaft, aus dem Dunkel angreifend, ganz ohne Gesicht und Ehre. Am Abend davor (gestern) ein Gespräch zum Weglaufen und Traurigwerden mit einem, der sich wegwirft und mißhandelt und mit letzter Anstrengung spricht, was zu verstehen, aber nicht zu billigen ist. Ins Weltenklo abtauchend wie fast alle aus dieser Fraktion der Ungeliebten, Ungestillten, Ungewollten, jedes Angebot ausschlagend aus verletzter Kindlichkeit. Leugnend, daß es möglich sein könnte, einmal nicht Opfer-Täter-Duo zu sein, sondern in der eigenen Mitte geborgen und also auch unter anderen. Defizite unterstellend, wo schönstes Gelingen ist und sich vermittelt. Nichts wie fort von dort, wo ein Taumelnder andere mitreißen möchte in den tödlich langweiligen Schlund gähnender Enttäuschung. Der intellektuelle Aufwand könnte gespart werden. Legitimationsdiskurse selbst noch dort, besonders dort. Heute hat sich die ungarische Kamerafrau, die Kinder getreten und dem fliehenden Mann mit Kind auf dem Arm ein Bein gestellt hat, zu Wort gemeldet, sich entschuldigt und erklärt, wie es dazu kommen konnte. Jetzt wird sie beschimpft und beleidigt und bedroht. Großer Gott (Leerstelle), die Meute hechelt überall, links und rechts, oben und unten. Sie stand unter Streß, hat falsch gehandelt, läßt sie mitteilen. Ja, das hat sie. Nun aber gut. Wespen ohne Königin, ich schrieb es bereits. Wir befinden uns in Streßsituationen, die die niederen Instinkte aus dem Dunkel und der Deckung befreien. Sie schießen ans Licht wie die Triebe eingekellerter Feldfrüchte oder hungrige Ratten. Eben suchte ich einen Ort auf, wo ich gern ein Feierabendbier trinke, doch selbst dort war es laut und schneidend. Drei Männer auf Kurs in die Häfen der Nacht, begeistert von sich selbst wie trunkene Seefahrer, die soeben auf der Ghost angeheuert haben und sich morgen bei der Ausnüchterung wundern werden, wo sie sich verpflichtet haben. Sie waren harmlos, doch sie konnten vertreiben. Des einen Stimme schnitt in mein Ohr wie eine breite Klinge. Alle Sätze lachten sie, als gäbe es Stimmung. Dabei gab es lediglich Gereiztheit, nahezu überall. Glücklich jene, die nichts merken. Ich habe andere gefragt, von denen ich weiß, daß sie feine Nerven haben. Es war etwas Ungutes heute. Morgen mag es leichter sein zu leben. (Man fischt nach Gründen wie in einem trüben Tümpel. Die Dorfbewohner schauen zu, sind skeptisch. Was suchst du? fragen sie.)


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