Das Hochhaus ragt aus dem Park wie zwei Zeigefinger ins Nichts. Viele Fenster, alle gleich, verspiegelt, Himmel darin, blau oder weißgrau. Oben Antennen zum Empfang, Hubschrauberlandeplätze, die Dachventilatoren, unten eine Öffnung zum Hinein und Hinaus. Morgens saugen die Bürotürme mehrere tausend Menschen ein. Die Männchen tragen Anzug, dunkel und gedeckt, darüber der Jahreszeit entsprechend einen Mantel oder keinen. Die Weibchen tragen Kostüm, dunkel und gedeckt, darüber der Jahreszeit entsprechend einen Mantel oder keinen. Die Schrittgeräusche der Weibchen unterscheiden sich von denen der Männchen. Mittags strömen sie aus, beide Geschlechter, Mittagszeit. Kurze Zeit darauf saugen die Zwillingstürme sie wieder ein. Abends stoßen sie sie aus. Tausende verteilen sich im Umland, fahren in die Höhlen ihres vereinzelten Lebens. Die letzten Lichter im Turm erlöschen, wenn die Putzkräfte die Büroetagen gereinigt haben. Am nächsten Morgen strömen die Individuen erneut herbei, verschwinden im Gebäude, erscheinen des Mittags kurz im Freien, um abends entlassen zu werden in etwas Privates. Fehlt eines der Individuen, wird das registriert. Unentschuldigt darf niemand fehlen. Was treiben sie in diesen Türmen, die offensichtlich über einen Pumpmechanismus verfügen? Sie arbeiten an Zahlen und mit Werten. Unten im Park treffen sich andere Individuen, anders gekleidet, ärmlich, schmutzig, zerrissen. Männchen und Weibchen. Der Methadonbus lockt sie an. Einige hocken in den Büschen und setzen sich einen Schuß. Es sind viele hundert Menschen, eine zerlumpfte Heerschar des Unglücks. Schlafsäcke liegen herum, Zeltbahnen, Decken, Isomatten, Verpackungsmüll, Flaschen. Nun bilden sie eine Schlange vor dem Bus, um das Substitut zu empfangen. Derweil taumeln andere von dannen, dorthin, wo nicht ganz so viel Trouble ist. Kostbare ruhige Stunden auf einer Parkbank weiter weg, bis die Unruhe erneut aufflammt und es im Körper schreit. Frankfurt am Main, Taunusanlage, die Spiegeltürme der Deutschen Bank. Nicht weit entfernt die Alte Oper. „Dem Wahren Guten Schönen“ steht auf dem Dachfries. Dieses Bild stammt aus den frühen Neunzigern. Es brannte sich ein. Ich war seitdem nicht mehr dort. Der Park wurde später geschlossen, die heroinverseuchte Anlage saniert, betreute Druckräume eingerichtet. Die offene Drogenszene ist verschwunden, die Zahl der Drogentoten gesunken, nicht die Zahl der Konsumenten. Frankfurt a. M. ist Crackhauptstadt Europas. Das kann man zwischen Autos und in Hauseingängen im Bahnhofsviertel rauchen. Die Taunusanlage ist schön grün, die Türme haben Nachbartürme bekommen. Die Geschäfte laufen weiter. Die beiden Völker leben nebeneinander her wie Artfremde. Man muß nicht in die Türme, man muß nicht in den Druckraum, doch man kann dort landen.
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