Niemals veröffentlicht

Es gibt Tage, die gleichen Hinrichtungen. Nur daß ich anschließend weiterleben darf.

Nun übertreiben Sie aber, junger Mann, sagten sie früher. Jetzt denken sie es immer noch, sagen es aber nicht. Es gibt nämlich Menschen, die gar nicht so empfinden müssen. Die betrachten das Leben sachlich und nüchtern. Mir ist das früher nicht gelungen, doch mit der Zeit bekommt man darin Übung. Das jeweils Vorliegende auf die Fakten runterbrechen, die Gefühle als Gefühle erkennen und ablegen, nach einer Lösung suchen, fertig ist das Schnellgericht. (Tot ist einer erst, wenn er nicht mehr lebt.)

Es schmeckt nichtssagend. Als enthalte es lediglich Ersatzstoffe. Denn Leben bebt und pocht und spritzt und fließt und blutet und eitert, schreit und flüstert, schluchzt und weint, lacht und liebt, aber jetzt übertreibe ich erneut. Meistens läuft es ja halbwegs oder glatt, fast so, als geschehe nichts. Keine Hupen, keine Sirenen, kein Notarzt. Sie traben, wir traben, ich trabe. Wohin eigentlich? Ach ja: Arbeit, Geld, Kauf, Verhandlung, Behandlung, Steuer, Verabredung, Freundschaft, Liebe, Parkbank, Kino, Film, schön. Nehmen wir doch fortan kalt, dann faßt es sich so an und keiner kommt auf dumme Ideen, die schmerzen könnten. Zum Beispiel einer Leidenschaft zu folgen, etwas zu riskieren. (Es lebt sich doch sonst so abgelegen.)

Im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte tue ich kund: Das Leben ist eine einzige Übertreibung, wenn man es läßt. Da wir hier aber zu Aufmerksamkeit und Kontrolle erzogen werden, sind wir aufmerksam und kontrolliert und sitzen und stehen ziemlich oft ziemlich blöde herum und sehen aus, als benötigten wir dringend guten Rat. Das hat aber auch seine angenehmen Seiten. Man wird selten bestürmt und bestürmt selbst auch nicht allzu viel. Lässig schlendert die Leidenschaft um die Häuser und kehrt ein in der Bar zum guten Vergessen. Da sitzen die anderen Kontrollierten und freuen sich. Das ist keine schlechte Sache. Die Tage vergehen, der Abend beginnt, gefolgt von der Nacht. Morgens jetzt endlich dieses Wetter, das Rückzug empfiehlt.

Die Übertreibung endet sanft und diesig. Ein Wind geht, die Blätter der Rose lispeln. Ein Glöckchen ist zu hören, als sei jemand gestorben, bescheiden und still. Dann die Sirene zu einem anderen Unglück. Gott, ich habe diese trüben Tage ersehnt.

Es gibt Tage, die sind genau richtig, da passen Witterung und Geschick. Da entstehen die niemals veröffentlichten Gedichte des Herzens.


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