Jeder lebt in sich wie ein Gefangener, bis eines Tages … Die Zugführer der Schnellbahnen und ihre Ansagen. Nach Oranienburg bitte einsteigen. Nach Oranienburg zurückbleiben bitte. Heute abend verausgabte sich einer von ihnen. Er war Truppenkommandeur, Gefängniswärter, Choleriker. Er schrie seine Befehle, peitschte auf die Fahrgäste ein und wiederholte die Ansagen noch, als der Zug bereits aus dem Bahnhof rollte. War er übergeschnappt oder lediglich betrunken? Von Station zu Station wurde es schlimmer. Noch lachten wir und fürchteten uns nicht. Ich sagte zu einem Kollegen: Gleich setzt er uns das Messer an die Kehle, dann zieht er durch. So wie er ins Mikrophon brüllte, mußte er uns hassen. Oder er übte für eine Rolle als Lagerkommandant oder Kampaniefeldwebel. Als ich an der Yorckstraße ausstieg, klopfte ein großgewachsener Grauhaariger an seinem Seitenfenster und beschwerte sich: Das ist doch keine Art! Sind Sie denn verrückt geworden! Sie können sich hier doch nicht so aufführen! Das Fenster wurde geöffnet und ein junger Rothaariger, Anfang dreißig vielleicht, kam zum Vorschein. Das war unser Zugführer, das Stimmwunder, der toll gewordene Einpeitscher. Harmlos sah er aus, und unschuldig wie ein Kind fragte er, was denn falsch sei an seinen Ansagen, er halte sich doch streng an die Vorschriften. Er könne sich nicht erinnern, geschrien zu haben. Dann zuckte er mit den Achseln, zog bedauernd den Kopf zwischen die Schultern und öffnete beide Hände, die Handflächen nach oben. Ich bin unbewaffnet, sieh doch. Nach Oranienburg einsteigen bitte, hörte ich ihn noch sagen, nicht ganz so laut wie zuvor. Der Grauhaarige beschrieb eine schnelle, wischende Bewegung mit der Hand vorm Gesicht und wandte sich kopfschüttelnd ab. Der Zug fuhr an und über die Yorckbrücken, und ich werde fragen müssen, was sich weiterhin zutrug. Es ist ein langer Weg bis Oranienburg.
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