Wenn ich mich in einem Wald verlaufe, kann ich nicht dem Wald die Schuld geben.
Er entstand vor meiner Zeit und ohne mein Zutun. Nun stecke ich drin, es wird dunkel. Die Dämmerung ist besonders schlimm, denn noch besteht Hoffnung. Vielleicht finde ich rechtzeitig, vor Einbruch der Dunkelheit, einen Weg der hinausführt. Die Hoffnung macht mir Beine, fast möchte ich laufen. Schnell, nur schnell hinaus. Eine namenlose, uralte Angst erfaßt mich. Es verschafft mir keinerlei Erleichterung, daß ich weiß, wie irrational und unbegründet sie ist. Jede städtische, ja: menschliche Straße wäre mir jetzt lieber, und verliefe sie durch ein Gewerbegebiet, in dem Lastkraftwagen abgestellt sind und die schmutzigen Anhänger dubioser Import-/Exportunternehmen. Es sei denn, ich wüßte, daß … Aber ich weiß ja nicht, ich laufe nur schnell. Wenn mich jetzt jemand verfolgte, würde er gewahr werden, daß ich mich fürchte und er ein leichtes Spiel hat.
Den Augen wird sie entzogen, dem Gehör übergeben: die Vollmacht aufzupassen, den Organismus zu schützen, auf Angriffe zu reagieren, zu überleben. Endlich ist es ganz finster. Ich könnte weiterlaufen, um in Bewegung zu bleiben. Auf diese Weise stellte ich ein bewegliches Ziel dar und wäre nicht einer, denn man nur im Liegen angreift, wie es Hyänen tun. Wer könnte mich denn angreifen in dieser Finsternis ohne Mond- und Sternenlicht? Es müßten Nachtjäger sein oder Perverse. Dauernd knackt es im Gebüsch, Zapfen prallen auf den Waldboden, der eine dumpfe Resonanz erzeugt wie ein nur leicht gespanntes Trommelfell. Der Kauz ruft, in der Ferne schlägt ein Hund an. Dort muß es ein Gehöft geben. Doch zwischen den Gehöft und mir liegt ausgedehnt der fremde, unwegsame Wald.
Endlich legt sich die dumme Raserei. Die Angst hat ausgepocht, sie mobilisiert nicht mehr. Die Seiten stechen, die Füße schmerzen. Ich bleibe stehen und denke nach, erstmalig in einem Zustand nahe der Besonnenheit. Wer soll mir etwas wollen in dieser Einöde? Der Wolf rudelt sonstwo durch die Gegend, die Wildschweine hören mich und weichen, die Füchse sind desinteressiert, Bären sind ausgestorben, Hirsche fliehen. Einzig der Mensch, dieses Scheusal, könnte auf die Idee kommen, mir … Finster wie im Bärenarsch, sagt man doch. Fast muß ich lachen. Endlich lache ich wirklich. Ich habe die Wahl, mir die nächsten Stunden zu gestalten. Dann graut der Morgen, dann werde ich gerettet sein.
Ich lerne, wie es um mich steht. Nicht gut genug einstweilen, das muß sich ändern. Ein Wald ist ein Wald, ein Industriegebiet ein Industriegebiet, die menschliche Zuversicht ein flackerndes Licht am Docht. Jedenfalls nachts, wenn die Augen nach innen sehen und die überpersönliche Angstvergangenheit aufsteigt, der wir sämtliche Sicherheiten verdanken, die uns ihrerseits in den Wahnsinn treiben. Später habe ich etwas zu erzählen, das ist gut. Am Rest kaue ich noch. Zu verdauen ist diese Zurechtweisung nur schwer.
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