Torstraße Ecke Prenzlauer Allee

STUDIERT STALIN | LERNT VON STALIN | KÄMPFT MIT STALIN. Darunter: „Es lebe Stalin, der beste Freund des deutschen Volkes!“ Über dem Eingangsportal ein über vier Etagen gespanntes Portrait des Georgiers, darunter: J • W • STALIN – Der Führer und Lehrer der Menschheit im Kampf für Frieden, Demokratie und Sozialismus. Daneben: „Vorwärts, unter dem unbesieg“ Hinter unbesieg ist Bildrand der auf den 21. Dezember 1949 datierten Photographie von Heinz Funck, Archivbesitz des Bundesarchivs. Sie zeigt das ehemalige Kreditkaufhaus Jonaß drei Tage nach dem 71. Geburtstag des Generalissimus. Zu dieser Zeit ist es als „Haus der Einheit“ Sitz des Zentralkomitees der SED, später residiert dort das Institut für Marxismus-Leninismus.

Während der NS-Zeit ist es Sitz der Reichsjugendführung, heute Soho House Berlin, ein britischer Privatklub mit Hotel, Ateliers, Rooftop Pool, Fitneßstudio, Lounges, Bar und Restaurant. Members only. Zimmer gibt es in den Größen Tiny, Small, Medium, Big, Large und Extra Large. Das Soho House Berlin bietet zudem Studio Apartments, One-Bedroom Apartments, Two-Bedroom Apartments, Big Apartments und Lofts. Das Durchschnittsalter der Mitglieder und Gäste soll bei 30 liegen, auf den Geldadel legt man keinen Wert, man braucht die „richtige Soho-DNA“ (Bericht der Süddeutschen Zeitung vom 8.8.2011). Genau richtig sind erfolgreiche „Musiker, Künstler, Gastronomen und natürlich für alle, die irgendwas mit Medien machen“.

Die Zeiten ändern sich, sagt man. Oder sind es die Menschen, die sich ändern? Vermutlich beide miteinander und ineinander. Für das Soho House braucht man einen braunen Mitgliedsausweis. „Das Soho ist unser Dorf“, sagt ein Mitglied. Im Kreditkaufhaus Jonaß bekam man die Ware über eine Anzahlung von einem Viertel des Werts, der Rest wurde in Raten abbezahlt. Ein Kaufhaus für alle – eine „lässige“ Location für die internationale Kreativszene. Dazwischen die Erziehungsdiktaturen mit ihren Ertüchtigungsprogrammen für Kampf und Krieg und den Endsieg des Guten über das Böse. Einige gehören dazu, andere nicht. Es scheint durchaus erstrebenswert, dazuzugehören. Später ist es durchaus schädlich, dazugehört zu haben. Die Zeiten ändern sich durch die Menschen und ihren unruhigen Geist. Das Karussell dreht sich, der Spielplatz ist gut besucht. Sicherlich hat gerade irgendwo jemand eine umwerfende Idee. An uns ist es dann, umgeworfen zu werden.

Dazu die jeweiligen Parolen. Mal der Individualismus, mal der Kollektivismus. Du bist nichts, dein Volk ist alles. Ich bin mir das wert. Nur gemeinsam sind wir stark. Folge deinen Instinkten. Don’t be a maybe. Komm zu uns! Sichern Sie sich jetzt ein gutes Stück Zukunft. „Ich würde keinem Klub angehören wollen, der mich als Mitglied aufnimmt“, sagte nicht Til Schweiger, sondern Groucho Marx.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Torstraße Ecke Prenzlauer Allee

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert