Das Sirren der Weidenrute

Sicher war dieser Klebstoff- und Leimexperte ein Kauz, vielleicht ein Trottel. Er war unser zweiter Werklehrer in der Grundschule, Nachfolger des ersten.

Der erste Werklehrer war ein Mann Mitte dreißig mit schulterlangem Haar, scharf geschnittenem Gesicht und imposanter Adlernase. Seine Augen funkelten unter den schwarzen Augenbrauen, die über der Nasenwurzel zusammenfanden. Er trug stets einen weißen Rollkragenpullover und erschien uns kleinen Lebensanfängern wie ein strenger Dirigent, wie ein großer Künstler oder Kunstliebhaber, der sich in die ländliche Welt verirrt hatte, in der wir zuhause waren. Damit der weiße Rollkragenpullover keinen Schaden nahm, zog er einen weißen Kittel über und wirkte nun wie ein Arzt, bereit für die schwierige Operation. Er war ein Ästhet und er war ein Despot, er duldete keinen Widerspruch. Wer unruhig wurde oder kurz mal lachte, aus einer Albernheit heraus oder um die lastende Unerbittlichkeit seines Anspruchs zu durchbrechen, wurde nach vorn zitiert und mußte vor seinem Pult die Hände, Handfläche nach oben, vorstrecken, wie beim Appell zur Fingernagelkontrolle. Während man seine ängstlichen Hände weit von sich auf Brusthöhe stillzuhalten versuchte, wählte er aus der Ecke rechts von Tafel und Werkbank eine geeignete Weidenrute aus. Es gab verschiedene Stärken, die dünnsten taten am meisten weh. Mit einer schnellen Bewegung ließ er sie wie eine Reitgerte durch die Luft sirren, damit sich das Geräusch einpräge. Dann trat er an den Missetäter heran und verkündete das Strafmaß: „Da es das erste Mal ist, daß du störst, bekommst du fünf Schläge. Aber wehe, es wiederholt sich, dann werden es zehn.“ Die Weidenrute hielt er mit seiner Rechten, die Linke spannte die Rute zum Bogen und ließ sie an einem gewissen Punkt los. Sie schnellte herunter und traf. Der Schmerz in den Fingerspitzen war so stark, daß man die getroffene Hand sofort zurückzog und Luft durch die zusammengepreßten Lippen einsog. Die Mitschüler hatten ihre Augen starrweit geöffnet, jeder stellte sich vor, genau jetzt dort vorn zu stehen. „Und jetzt der zweite“, sagte er, und wieder gingen die Hände nach vorn zum Schmerzempfang. Manchmal erließ er einem die weiteren Schläge, das erzeugte Dankbarkeit. Wir liebten und fürchteten ihn wie ängstliche Hunde.

Werkunterricht 1973 oder 1974, den Namen des Lehrers habe ich nicht vergessen, wie könnte ich. Er verließ die Schule, um Heilpraktiker zu werden (er praktizierte später in Hameln an der Weser). Wir bekamen den alten Glatzkopf mit seinem Faible für Klebstoffe und Leim. Er trug einen graublauen Kittel und wirkte wie ein Hausmeister. Ihn mußten wir nicht fürchten, er wirkte harmlos und war langweilig.


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