Wege in die selbstgebrühte Einsamkeit

„Saint Frank Coffee ist einer von fünfzig Kaffeeläden, die Horst A. Friedrichs in seinem Buch vorstellt. Fairtrade und Nachhaltigkeit sind wichtige Themen für die Betreiber und ihre Kunden. Die Bohnen werden teilweise selbst geröstet.“ (Text: Spiegel online)

Dazu ein trauriges Photo: drei Männer und zwei Frauen zur Linken, jeder an eigenem Tisch, mit dem Rücken zur Wand, jeweils allein, vier von den fünf Gästen tragen einen Kopfhörer und haben ein geöffnetes Notebook vor sich stehen, neben ihrem Edelkaffee. Die Aufnahme wurde von schräg oben gemacht mit Blick auf den Eingang mit Glasfront zur Straße. Den Gästen gegenüber der lange Tresen mit den Apparaturen, die nötig sind, um einen Spitzenkaffee herzustellen, frisch, würzig und wertvoll. Zwei Bedienstete in Kitteln frickeln an Siebträgern herum oder wärmen die Kaffeetassen vor, paritätisch: Mann und Frau.

Das Saint Frank Coffee steht in San Francisco und wirkt mit seinen schräg getäfelten Wänden, den kleinen Tischen für isolierte Einzelsitzer, die das Kaffeehaus als Arbeitsplatz, an dem man sich mit seiner angesagten technischen Ausrüstung zeigen kann, um gesehen und erkannt zu werden als einer, der voll mitmacht bei dem, was alle Angesagten, die einsam sind und sich zeigen wollen, machen, seinem ewig langen, kahlen Tresen und einer Sauberkeit und Ausgeräumtheit, die daran erinnert, daß man gerade erst eingeräumt hat und jederzeit vom Leben gekündigt werden könnte, denn Leben ist Stil und Zeitgeist, und schon wieder weg, sonstwo, jedenfalls weiter, und seinen abgerundeten Ecken und dem albernen Wandregal, auf dem – potztausend – Kaffeedosen stehen, wirklich Kaffeedosen mit lupenreinem Herkunftskaffee – wirkt mit solch bemühter Spärlichkeit rührend erbärmlich, erbarmenswert sogar.

Photo Nummer 2: Eine Frau rührt in einer Apparatur zweier aufeinander gesetzter Glaszylinder den Kaffeesud. Darunter eine Aussage des Photographen: „Statt dieser Kapseln, die die ganze Welt verpesten, trinkt man Kaffee, bei dem man vom Strauch bis zur Tasse weiß, wo er herkommt.“ Der Kaffee hat Herkunft, die Menschen wollen sie offenbar in Teilen loswerden, wenn sie nach einem Stil des Überall-richtig und Nirgendwo-falsch, der umstandslosen Zugehörigkeit über Marken und technischen Firlefanz streben und sich in diesen ausgeleerten Trinkstationen etwas leisten, was ihnen Distinktionsgewinne verschaffen soll, da sonst nicht viel los ist in ihnen. Als könnte solch blasses Begehren, zur gesichtslosen Internationale eines Metropolenaustauschprogramms für Lebenstouristen zu gehören, irgendwen befriedigen oder auch nur Freude bereiten. Daher starker Kaffee mit Herkunft und Charakter, gleichsam als Ersatz.

Was mit dem Photographen, einem geborenen Hessen, los ist, weiß ich nicht. Er lebt nun in London.


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