Ein persönlicher Sinn

Gestern stellte ich mir vor, wie es wäre, demnächst tot zu sein. Ich gedachte derer, die sich vielleicht bemühen würden, meinen Tod aufzuhalten oder hinauszuzögern. Endlich würden auch sie ein Einsehen haben. Schließlich sterben wir doch alle, nicht. Ich sah die Ärzte und ihre professionell ernsten Mienen, sie erörterten den Spielstand zwischen Leben und Tod. Ich war rein und bereit, betrachtete mich im Spiegel, nicht lang, eher traurig, und dachte: Zeit zu gehen. Zeit zu gehen nicht deshalb, weil es einen Grund gab, sondern Zeit zu gehen, weil es keinen Grund gab. Aus freien Stücken. Räumen, gehen, verschwinden. Doch mit welchem vorherrschenden Gefühl? Mit dem, daß es gut ist. Mit dem, daß ich das Meine getan habe, wenn auch unzureichend und unabgeschlossen. Mit dem Gefühl, daß mir langweilig ist. Ich sterbe als ein unabgeschlossenes Projekt, dachte ich noch, macht nichts. Jetzt bin ich einen Schritt weiter und möchte leben, denn jetzt ist heute und ich habe etwas verstanden, was ich gestern zwar wußte, aber noch nicht genug.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Ein persönlicher Sinn

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert