Daß mit dem Bürgertum etwas nichts stimmt, weiß ich von Anbeginn meines sogenannten Denkens. Unaufrichtigkeit ist die erste Eigenschaft, die mir in den Sinn schießt, dieser falscher Ton, die falsche Freundlichkeit: Ach, Frau Schröder, wie schön Sie zu sehen! Ich habe gestern noch an Sie denken müssen, da saß ich mit meinem Mann und dachte daran, wie wir uns letztes Jahr ganz bewußt dafür entschieden haben, Ihrem Rat zu folgen und nicht nach … Und so weiter, man kann es hören, es schmerzt in den Ohren und schmerzt durch bis ins Innere der eigenen Seele. Die Körperhaare stellen sich auf, zur Abwehr, wie zum Schutz vor derart armseliger und erbarmenswerter Verlogenheit aus Unsicherheit und der fixen Idee, gefallen zu müssen, der Idee also, nicht zu gefallen, demnach falsch zu sein, also purer Angst – aber wovor denn? Davor offenbar, erkannt zu werden und erkennbar zu sein, wirklich zu sein, ohne Maske, ohne doppelten Boden, einfach so. Ich weiß nicht viel über die unterschiedlichen Stände und Verhaltenskodizes des Adels, deshalb nehme ich Vorlieb mit dem Bürgertum, jenen großen und größer geratenen Kreisen, die sich über Leistung, Bildung, Moral und Besitz definieren und damit eine hochbrisante und explosive Mischung zusammenrühren, die ihnen regelmäßig um die Ohren fliegt, besonders wenn sie kluge Kinder haben (und sie neigen dazu, solche zu haben). Mich schützt vor dem „diskreten Charme der Bourgeoisie“ einzig meine Herkunft: zur Hälfte etwa bin ich Bauer. Das sind Leute, die langsam sind, langsam verstehen, langsam nur sich umgewöhnen, dann aber gründlich. Wenn Bauern aufstehen und sich (endlich) einmal wehren, brennt es lange und heftig.
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Wieder so ein Brett! Habe gelacht und nachgedacht und mich gefreut über Deine majestätische Bauernschläue.