Es gibt immer diese eine Person, die sich nicht zufrieden gibt, nicht den Singsang spricht, sich nicht an die verabredete Sprechweise hält, nicht halten kann. Vor einigen Jahren lernte ich das Wort ‚Symptomträger‘ kennen. Es bezeichnet jenes arme Schwein, jenen Auserkorenen, der stellvertretend für die anderen die Leiden auf sich nimmt, sicher nicht freiwillig, eher erzwungenermaßen oder von unerkennbar höherer Warte bestimmt, siehe Jesus, der Gemarterte und Gesalbte, siehe die Märtyrer, siehe Oskar Brüsewitz. Diese Person ist die offene Wunde, aus der es blutet, denn Blut muß vergossen werden – und wenn es nur zu Tränen reicht, ist das notfalls recht und genug. Die Kollektive bekommen ihren Schiß nicht geregelt, sie bekommen es niemals geregelt, und deshalb muß einer dran glauben und symbolisch sterben, also gegeben werden. Da wir in der Moderne leben und nicht mehr ‚damals‘, fallen die Opfer anders aus. Sie werden nicht aussortiert, sondern therapiert und erneut einsortiert, bekommen Aufmunterung und Zuspruch. Nicht weil irgendwer irgendwas verstanden hat, sondern um der Verantwortung willen. Niemand will die Opferung verantworten, das ist der Punkt. Deshalb werden die Symptomträger hin und her geschoben wie die Könige im Schach.
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