Eifer

Blog-Einträge einer Frau gelesen, die sehr gut schreiben kann: daß sie seit neuestem dem Alkohol entsagt. Ihre Beiträge dokumentieren die noch junge Erfahrung. Sie schreibt direkt und entschlossen, und es gibt Sätze, die man sich merken möchte. Es sind Selbsterfahrungsberichte, verfaßt mit missionarischem Eifer, wobei schnell deutlich wird, daß die einzige Person, die tatsächlich überzeugt werden muß, die Autorin selbst ist. Ansonsten läßt sich ohnehin niemand überzeugen, das weiß sie vielleicht oder fürchtet es. Nicht schlimm, ganz allein mit sich zu sein. Es gibt kein alkoholisches Getränk in der Wohnung, nur diese eine Flasche Rotwein im Vorratsraum, ein Geschenk von vor Jahren oder nach einer Party liegen geblieben. Jeder vernünftige Mensch spürt, wie diese Flasche jetzt anfängt zu glühen. Sie ist der blinde Passagier an Bord der Bekehrten. Statt daraus zu machen, was der Leser erwartet, läßt die Autorin sie liegen: die Flasche und die Gelegenheit. Sie schreibt entlang ihrer Wirklichkeit, doch die Wahrheit droht von woanders.

Nachtrag: Vielleicht täusche ich mich, vielleicht ist die Wirklichkeit tatsächlich stärker als die Wahrheit. Denn von dieser wissen wir so gut wie nichts, von jener dagegen alles. Und wenn schon nicht alles, dann wenigstens eine Menge. Man kann das ja gar nicht zusammenzählen, was zu einer kompletten Wirklichkeit gehört. Dazu bedürfte es wissenschaftlichen Fleißes, der aber fehlt den Poeten. Sie greifen anders zu.


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