Auf alten Schwarzweißphotographien grinst niemand in die Kamera, meine Vorfahren wirken ernst und gefaßt. Irgendwann geriet dann dieses Grinsen auf die bunten Portraitbilder, ein verlangtes Grinsen. „Say cheese – something that someone who is taking a photograph of you tells you to say so that your mouth makes the shape of a smile.“ (Cambridge Dictionary) Wann diese Verstellung über uns kam, weiß ich nicht. – Wer demonstriert Gutgelauntheit, Unbeschwertheit, Glück – wer hat das nötig? Irgendwann müssen sich die Leute verpflichtet gefühlt haben, glücklich zu sein? Meine Großeltern waren davon noch nicht betroffen, das weiß ich, das sieht man. Aber dann kam es über uns. – Das Recht auf ein Streben nach Glück steht in der Verfassung der Vereinigten Staaten – nichts dagegen einzuwenden, selbst wenn sie mich beträfe. Aber ein grinsendes Glücklichsein vor der Kamera zu exerzieren, um der Mitwelt, Nachwelt und sonstwelchen Betrachtern zu demonstrieren, daß ich es wirklich bin, nämlich glücklich – ist traurig und armselig. Hört auf zu grinsen, Idioten! könnte der Photograph rufen, kurz bevor er abdrückt, vielleicht gelingt dann auch der Schuß.
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