Von der Beleidigung, selbst nicht Gott zu sein oder: Läßt sich da nicht was machen?

Zufall und Notwendigkeit nannte Jacques Monod seine Schrift über „Philosophische Fragen der Evolutionsbiologie“. Kein Platz mehr für Vorherbestimmtheit und Schicksal? Eine neuerliche Kränkung. Der Physiker und Philosoph Gerhard Vollmer kommt auf zehn solcher Kränkungen der Menschheit in ihrem langen wissenschaftlichen Selbsterkenntnisprozeß, beginnend bei Kopernikus. Kränkung 7 durchlaufen wir derzeit: Maschinen übertreffen die geistigen Leistungen des Menschen, Künstliche Intelligenz ist der natürlichen überlegen. Das läßt sich auch von der Rückseite des Arguments her deuten, nämlich als den Triumph einer Spezies, die über sich hinaus strebt und partiell zu überwinden, wenn nicht abzuschaffen trachtet. Als 10. und bislang letzte Kränkung hält Vollmer noch in diesem Jahrhundert eine Überwindung des Dualismus von Körper und Seele für möglich und traut solches der neurobiologischen Forschung zu. Vollmer denkt und argumentiert streng naturalistisch. Je mehr die Menschen demnach lernen und wissen, desto schwächer wird ihre Position im Ganzen. Das klingt seltsam paradox und macht neugierig auf eine Kultur, die sich einen solchen Sturz zumutet und in diesem Sturz aus privilegierter Höhe bereit scheint, alles andere mit sich zu reißen. Der Mensch als ungezogenes und narzißtisches Kind, das sich selbst nicht erträgt, kaum je ertragen hat. Sich ertragen heißt sich bescheiden, auch sich einfügen. Doch die Geschichte des Menschen läuft hochtourig weiter, und es ist nicht beschlossen, daß er sich weiter innerhalb des beschriebenen Paradigmas bewegt. Denn die Antwort ergibt sich aus der Frage. Wir benötigen ein paar neue und gute Fragen. (Notwenigkeit hieß es eben noch, habe den Tippfehler ein wenig widerwillig korrigiert.)


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Von der Beleidigung, selbst nicht Gott zu sein oder: Läßt sich da nicht was machen?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert