Anfang der Siebziger, Mittelpunktschule, Fräulein P.

Die Tür stand offen, unsere Lehrerin saß am Pult und weinte. Grundschulzeit. Ich hatte mein Pausenbrot vergessen und mußte deshalb noch einmal zurück. Sie hatte den Kopf in die aufgestützten Arme gelegt, das Schluchzen bewegte ihren Körper. Als sie sah, daß ich sie sah, wischte sie die Tränen aus dem Gesicht. Sie war streng zu uns, schrie auch, warf mit dem Schlüsselbund. Es war ihr wichtig, mit Fräulein angesprochen zu werden. Sie war siebenunddreißig Jahre alt; ihr Geliebter heißt Jesus Christus, hieß es. Als ich nach der Vierten die eher dörfliche Schule verließ und aufs Gymnasium geschickt wurde, schrieb sie mir einen Brief, in dem sie einige Eigenschaften hervorhob, die mich angeblich auszeichneten. Mitfühlend war eine davon. Sie ist früh verstorben, nun seit langem tot. Ich weiß noch gut den Namen hinter Fräulein und sehe sie auch vor mir mit ihrem schulterlangen glatten Haar, stets etwas fettig. Sie war keine Schönheit; die ist sitzengeblieben, sagten sie auch noch. Im Glauben fand sie Trost, nicht in uns. Wir waren nur kleine Kinder und gaben, was wir konnten.


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