Endlich

Gestern nachmittag eine Kurznachricht (Danke, Michael!), sie lautete: „Handke.“ Ich dachte sofort: entweder tot oder Nobelpreis. Als ich es wußte, meine Antwort dementsprechend: „Endlich!“ Vermutlich gibt es kaum jemanden, vorsichtig formuliert, der sich dermaßen ernsthaft, oft mit verbissenem Ernst, mit nichts in der Hand als der Sprache, an der Wirklichkeit abgequält hat wie dieser Peter Handke. Ausgestattet mit allem, was man braucht, um den Dingen auf den Grund zu gehen: Einsamkeit, Wahnsinn, Jähzorn, Isolation, Rachegelüsten, Hochbegabung, Minderwertigkeitsphantasien, Größenwahn, Zärtlichkeitsbedürfnis, Trotz, Penetranz. Suchend in der großen Mutter Natur, was die kleine Menschheit nicht zu leisten vermag. Die Blätter betrachtend, den Wind belauschend, Spuren der Tiere folgend – ein ästhetisches Wohlbehagen in Gott. Gott als Ganzes besehen, nicht als Spaltpilz, Herrenmänner- oder Stiftertum. Sehnsucht nach Heimat, eigentlich: als Herzens- und Wissensheimat. Ein Entlarven der politischen Propaganda, ein Beharren auf Wirklichkeitserfahrung aus erster Hand. Sprachkritik. Setz dich den Dingen aus, nicht den Parolen. Ein Weg ist konkret. Weg mag auch Metapher sein, doch die Metapher ist stets nachgeordnet. Suche nach eigener Sprache, nicht um des „Eigentons“ willen (den er an Thomas Mann kritisierte), sondern um der Sache willen. Peter Handke oder: wie sich jemand sprachästhetisch in den Griff zu bekommen versucht. Dann das Serbien-Ding, Handke gegen den Rest der Welt. Hamsunmäßig, poundmäßig, naja: fast. Ehre den Poeten, sie suchen noch, während die anderen dauernd falsche Fundstücke ins Licht recken auf der Suche nach Gold. (Ob der Nobelpreis etwas taugt, weiß ich nicht. Meist wirken Preise verstörend. Niemand weiß anschließend, wer was verstanden hat und was nicht.) Übrigens traue ich seiner Poesie nicht. Sprache ist kein Garant für Authentizität, man darf sie auch schonen, damit nicht Qualsprache entsteht, Sondersprache, Kauzsprache. Epiphanien vermitteln sich nicht durch originelles Sprachwollen. In den Dingen findet man sich nicht. (Wer ist man? könnte Handke fragen. Auch gut.) Die Sprache soll es richten? Das kann sie nicht. Was sie kann und was nicht, läßt sich in den Büchern von Peter Handke nachlesen, besonders dort. Mein Lieblingsbuch: Versuch über die Müdigkeit.


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