Wir tun das ja nicht aus Leidenschaft (singt Moritz Krämer)

Es liegt an mir, vermutlich. Die Filme und Photos vom 9. und 10. November 1989 kann ich nicht mehr sehen. Sie wurden so oft gezeigt, daß sie nichts mehr zeigen. Auf Fingerschnipsen gerate ich nicht zurück in die Stimmung jener Tage, als die Getrennten sich entdeckten und bestaunten. Euphorie und Skepsis lagen nebeneinander. Sie versuchten es miteinander. Kann das gutgehen? Antwort: Es muß. Ich war optimistisch damals. Heute frage ich mich, was ‚gutgehen‘ politisch bedeutet. Es geht gut, wenn das Schlimmste nicht eintritt. Das Schlimmste sind Krieg und Verfolgung und grausame Blödheit. Das deutsche Selbstgespräch ist langweilig geworden, lustlos nur höre zu. Das Paar muß zum Therapeuten. Da sie beide Entlassene aus der Besserungsanstalt sind, verbinden sie Schuldgefühle und Unfreiheit. Schon merkt der westdeutsche Partner auf und deklamiert die Freiheitsrechte seiner Verfassung, an der er selbst noch mitbasteln durfte. Seine ostdeutsche Partnerin verweist auf das Kollektiv und den Zusammenhalt, denn damals konnte man sich noch aufeinander verlassen, da gab es Gemeinschaft. Dieses schräge Paar feiert heute, daß sie sich seit dreißig Jahren kennen. Ein Jahr später gaben sie sich unausweichlich das Ja-Wort. Das feiern wir nächstes Jahr.


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