Erfahrungssache, biographisch grundiert

An mir selbst beoachte ich, daß mich abweichende Meinungen von jeher stärker interessieren als etablierte. Bei anderen beobachte ich Gegenteiliges; sie empfinden offenbar eine Abneigung gegen wissenschaftliches oder kulturelles Außenseitertum. Ich frage mich, woher dies kommt. Ich neige den Außenseitern nicht zu, interessiere mich aber für ihre Position (sofern sie eine beziehen) und ihre Ansichten (sofern ich sie erkennen kann). Ich gehe davon aus, daß über Wahrheit und Irrtum nicht in Mehrheitsentscheidungen zu befinden ist. Nun sind Wahrheit und Irrtum aber nicht immer leicht zu scheiden – es gibt Irrtumsbestandteile in der sogenannten Wahrheit, Wahrheitsentsprechendes im sogenannten Irrtum. Das beschäftigt und fasziniert mich, und der Menschenforscher in mir wird wach, wenn sich Problemlagen ergeben, in denen Entscheidungen getroffen werden müssen, die in jedem Fall schwerwiegende Folgen nach sich ziehen. In einem späteren Leben werde ich einmal Anwalt der Entrechteten und Verfemten – und erkläre den Gerechten und Gerechtfertigten, was für diese Ausgestoßenen spricht und daß es sich lohnt, ihnen sehr genau zuzuhören. Vermutlich fürchte ich mich vor meinem eigenen blinden Fleck.


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