Introspektives Schreiben bedeutet, sich ein Fieberthermometer in den Hals zu stecken. Wer damit beginnt, stellt als erstes fest, daß er als eine Version seiner selbst umherläuft, allseits akzeptiert. Durch die Introspektion werden die eingeschlossenen „anderen“ Stimmen hörbar – sie dürfen reden. Das introspektive Schreiben kommt mir entgegen, da ich sowieso dauernd beichten möchte. Beichten heißt sich freisprechen. Aus dem Herzen keine Mördergrube machen. Sich entgiften, ohne Groll sein, ohne heimliches Ressentiment. Vorbehaltlos auf andere zugehen können, offen und ehrlich. Ein hoher Begriff dafür lautet Wahrhaftigkeit. Man kann – um auch das nicht zu verschweigen – in sich einfahren wie in einen tiefen Schacht, in ein Verlies möglicherweise, und es nähme nicht wunder, wenn dort Gefolterte hingen und Schattenwesen umherhuschten. Ja, auch sie sollen sprechen. Ich habe mir stets einen weinenden Hemingway vorgestellt. Ich höre ihn aus seinen Sätzen schluchzen. Man kann – um das nicht zu unterschlagen – aber auch eine Landschaft beschreiben oder eine Blüte, und jedem wird klar, daß ein Inneres zum Ausdruck kommt. Ich war oft verzweifelt, aber ich bin nicht daran zugrunde gegangen. Die Zweifel und Selbstzweifel sind nicht deshalb schlecht, weil sie sich so anfühlen. Sie sind schlecht, wenn sie einem den Zugang zu sich selbst verstellen. Wer keinen Zugang zu sich selbst findet – wie soll der einen Zugang zu anderen finden. Man muß immer schon wer sein. Benn nennt das „das gezeichnete Ich“.
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