Es war eine Art Vergnügen, am Kiosk dieses schwere Wochenblatt zu kaufen, donnerstags, und damit ins Café zu gehen, abseits einen Platz zu suchen, um in Ruhe lesen zu können. Den „Mantel“ aus Politik und Wirtschaft schnell abgelegt, um ans Wesentliche zu gelangen: Kultur und Gesellschaft, manchmal das Dossier. Das war in den Neunzigern, in deren zweiter Hälfte. (Es gab kein Internet.) Ich war ein intellektueller Streuner, hatte mein Studium geschmissen, fühlte mich frei, ungebunden, bodenlos. Das Café, in dem ich las, war das Café, in dem ich arbeitete. Ich beschäftigte mich mit meinem Image, wußte aber nie, was es war. Es gab ein Bild meiner selbst, dessen war ich gewiß, nur konnte ausgerechnet ich es nicht erkennen. Ich übte irgendwas ein – auch das spürte ich, während ich es tat. Dazu zählte dieses Donnerstagsritual am Nachmittag: ich mit dicker Zeitung unter dem Arm auf dem Weg an meinen Lieblingstisch am Ende des Tresens, versteckt hinter einer Säule, gegenüber vom Klo. Auch damals habe ich Tag für Tag gelebt und jeden Tag in all seinen Minuten ausgetrunken und war unglücklicher als heute, was daran liegt, daß ich den Gesamtkomplex namens Leben ein kleines bißchen besser verstehe. Und lachen kann man jederzeit, am besten übrigens dann, wenn es nicht paßt.
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