Es gibt schöne und berührende Wörter – eines davon ist Überlieferung. Nichts an diesem Wort, einer Ableitung von liefern, gefällt mir auf den ersten Blick. Liefern bedeutet: die Ware an einen vereinbarten Ort bringen. Der vereinbarte Ort der Überlieferung ist die Gegenwart. Sie bedarf der Lieferung (Versorgung) und hofft zu ergründen, was getan werden kann, angesichts dessen, was in ähnlichen Situationen getan wurde. Nun hat die Moderne, wer immer das ist, dafür sorgen können oder müssen, daß die Überlieferung nicht länger ausreicht. Wir lernten das in der Schule (und später etwas ausführlicher und halbwegs begründet an den Universitäten). Deshalb ist dieses Wort, das etwas umfaßt, das nicht mehr ausreicht, für mich berührend und schön. In ihm liegt ein Sterben, das wehmütig stimmt. Die Wehmut, die es auslöst, würde nicht aufgerufen sein, wenn wir in der Strenge einer Überlieferung stünden. Wir sind gemeinsam Suchende – notfalls suche ich allein herum.
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