Vielleicht ist dieser Wunsch, wie verständlich er sein mag, eine Narretei – ähnlich dem, vollständige Transparenz zu fordern oder bekommen zu können. Man schafft die Hinterzimmer nicht ab, indem man sagt, es soll sie nicht mehr geben. Jede Vorgangsbeschreibung ist eine Version, nicht der Vorgang selbst. Das öffentliche Leben besteht aus Verlautbarungen, die auf Verabredungen und Sprachregelungen beruhen. Die Berichte sind redigiert. Nur Journalisten und Propagandisten versprechen großspurig „die ganze Wahrheit“, denn sie möchten sie verkaufen.
Als Jugendlicher oder junger Erwachsener wollte ich Journalist werden und konnte einige kleine Erfahrungen sammeln. Von der Nachricht zur Reportage, dazu der Kommentar, hochaktuell. Ich habe gesehen, was aus der „Wahrheit“ wird, wenn gierig und schnell nach ihr gegriffen wird. Ich sollte Sachverhalte verfälschen, weil sie dem Sender anders angekündigt und verkauft (mangelhafte Vorrecherche: keine Zeit, kein Geld) worden waren.
Die Wahrheit besteht nicht aus Sensationen – vermutlich ist sie selbst es. Sofern sie existiert und wesenhaft erscheint oder sich offenbart in einem Augenblick, der mich aus den Schuhen ziehen wird. – Ich bin, kaum höre ich ihren Namen, hin und her gerissen zwischen Bewunderung und Skepsis. Die Wahrheit – was für ein pompöses Wort! Aber dann sehe ich etwas, schemenhaft und hell, leuchtend und schön, das ebenfalls „die Wahrheit“ sein kann, aber wie auf einem Gemälde. Eine Allegorie.
„Die Wahrheit ist so weiß wie Schnee“, sang Wolfgang Ambros.
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