Aus dem Zusammenhang 165

„Das Problem ist unteilbar; der Mensch ist allein. Letzthin ist auf die Gesellschaft kein Verlaß. Obwohl sie meist schädigt, ja oft vernichtet, kann sie auch helfen, doch nicht mehr als ein guter Arzt – bis zur unvermeidlichen Grenze, an dem seine Kunst versagt.

Vor allem keine Melancholie. Der Einzelne kann sich Trost spenden, indem er seine Lage erkennt. Früher trugen die Religionen dazu bei. Ihre enge Verbindung mit der Kunst ist nicht zufällig, denn sie sind deren höchste Erfindungen.

Nun, da die Götter uns verlassen haben, müssen wir auf ihren Ursprung, die Kunst, zurückgreifen. Wir müssen eine Idee von dem gewinnen, was oder wen wir darstellen. Irgendwo muß eine Werkstatt sein. Ein Töpfer bildet Vasen, Krüge, gewöhnliches Geschirr. Ton ist sein Werkstoff; alles entsteht im Wandel der Gezeiten, zerfällt dann zu Staub und wird wieder Werkstoff für uns.

Unsere soziale oder moralische Stellung spielt keine Rolle dabei. Wir mögen ein Fürst oder ein Tagelöhner sein, eine Hure, ein Taschendieb – meist aber, wie ich, ein gewöhnlicher Mensch.

Jeder hat sein Amt, seine Aufgabe. Was war unser Schöpfungsgedanke, wozu sind wir berufen – wer von uns davon auch nur eine Ahnung vermittelt, hat uns nobilitiert.

Nun bin ich kein Dichter; das muß ich zugeben, obwohl ich, ‚was ich leide‘, ausdrücken kann – freilich nur im Selbstgespräch. ‚Ausdrücken‘: das ist schon das Wort dafür, wie immer es gelingen mag. Es läuft also auf eine Befreiung hinaus, auf eine Art von Beichte in der Hoffnung auf Selbstabsolution. Kein andrer Richter, kein Priester über mir.

Meine Zeit ist beschränkt, doch jeder kann sich für einen Monat in den Wald oder in die Wüste zurückziehen. Dort kann er sein Problem beschreiben oder, eher: umschreiben – dann ist es fixiert, wenngleich nicht gelöst. Vielleicht wird er es besingen, oder er entdeckt eine Höhle und vertraut es den Wänden mit schwarzen, gelben oder roten Erdfarben an. Dort mag es schlummern, bis ein Ausgräber es findet und daran rätselt; doch besser bleibt es für immer verdeckt.

Nun zur Sache, zunächst zur Person. Ich blicke in den Spiegel …“

Ernst Jünger, Aladins Problem [1983]


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Aus dem Zusammenhang 165

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert