Wann denn der Tod und wer

Schreiben oder Leben – Jorge Semprun. Wie konnte ein solcher Gegensatz sich entwickeln? „Ich lachte, es brachte mich zum Lachen, daß ich am Leben war.“ Befreiung. Manche denken, Schreiben sei das eine, Leben ein anderes, ein davon geschiedenes Ausdruckselement. Wie ist es, dem Grauen entronnen zu sein? Der Tod hat sich entfernt, wenngleich er sich niemals ganz entfernt halten kann oder darf. Nehmen wir ihn allegorisch-figürlich, sonst frißt er sich falsch fest. Sempruns Rendezvous mit dem Tod fand lange nach seiner Befreiung aus dem Lager Buchenwald statt, in einem Bistro in Paris, Mitte der sechziger Jahre, und sein Tod hieß Daisy. Sie war das blühende Leben inmitten eines Kreises sich amüsierender junger Leute usw. Daisy hier, Daisy da. Daisy war jung und blühend, blond und beliebt, sie war das unschuldig auftrumpfende Leben in einem Bistro in Paris, in dem auch dieser Lagerüberlebende und Antifrankist saß, dem das Leben etwas Fragwürdiges geworden war, seit er wußte, wie leicht es geopfert ist für ein Nichts oder ein angebliches Alles. Nachdem also Leben für ihn Kämpfen (Widerstand) gewesen ist, sitzt dieser Mann, Jorge Semprun, vierzigjährig etwa, im selben Bistro und erkennt in ihr, ebenfalls allegorisch, seinen Tod. Er beschreibt das in Was für ein schöner Sonntag, dem zweiten autobiographischen Bericht nach Die große Reise. – Ins Schreiben fällt, wer im Leben vermißt oder ihm nachgehen möchte oder schwer von Begriff ist oder endlich verstehen will oder in der Darstellung durch Sprache Heil und Heimat erstrebt. Man langweilt sich auch weniger. Für Jorge Semprun, 10.12.1923 – 17.6.2011.


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