Wohlstand und Sicherheit

Früher habe ich mich gefragt, ob ich eigentlich gut auf dieses Leben vorbereitet worden bin – in der Familie, in der Schule, auf dem Dorf und in der Stadt.

Eines Tages war ich erwachsen und lebte mein eigenes Leben, versuchte es. Ich wollte unabhängig sein und mir auf buchstäblich alles einen eigenen Reim machen. Ich will dies noch. Auf die verbreiteten Allgemeinheiten lege ich wenig Wert – ich nehme sie zur Kenntnis wie Leitplanken oder Ampelanlagen an Verkehrskreuzungen. Man bleibt stehen bei Rot und geht bei Grün, schaut keiner hin, geht man bei Grün und Rot.

Ich verlasse mich nicht auf das, was man sagt. Was man so sagt, nehme ich wahr und beschäftige mich damit. Mich interessieren die Signaturen unserer Zeit – was die Menschen begehren, wovon sie träumen, wovor sie sich fürchten. Ich weiß, daß wir vergänglich sind, und weiß auch, daß unsere Zivilisation untergehen wird. Vermutlich suche ich jetzt bereits die Gründe und zähle sie mir auf, wenn ich nicht schlafen kann vor Entsetzen.

Es wäre mir aber lieb, wenn die Nachwelt erführe, daß wir nicht alle bescheuert gewesen sind oder verblendet oder moralisch aufgekauft. Diese Zivilisation ist eine der permanenten Vernichtung, und daß sie sich darüber belügen mag, erstaunt und erregt meine Neugier.

Der Spalt zwischen moralischem Anspruch und gesellschaftlicher, sozialer, wirtschaftlicher, ökologischer, intellektueller und spiritueller Wirklichkeit ist so breit und tief wie ein Grand Canyon. Man muß ganz nach unten, um seine Tiefe zu erfassen. Wer dort nicht war, wird es nicht glauben. Es geht aber nicht um Glauben.

Untergangsprophetien begleiten uns. Stets klingen sie auch frivol. Als spielten kindliche Apokalyptiker mit Feuer nahe einem Munitionslager. Oder als verwechselten in die Jahre gekommene Enttäuschte ihren persönlichen Niedergang mit dem ihrer regel- und wertegeleiteten Umgebung. Ja, das kommt vor. Solche Leute sind langweilig, sie durchschauen nicht einmal sich selbst. Und das ist wirklich einfach. Nach ein paar Jahrzehnten kennt man doch die eigenen Tricks und Ausflüchte, will ich meinen.

Bei mir liegt es anders. Ich war bereits mit zehn Apokalyptiker, wenngleich der Begriff nicht wirklich zutreffend ist. Ich war Katastrophiker, durch und durch. Ich erkannte wie ein frühreifer Irrer, daß „unsere“ Art des Wirtschaften und Bewirtschaftens die Erde und das Leben auf ihr zerstören wird. Einige einschneidende Erfahrungen reichten damals, und seitdem ging es stets so weiter. Wir verbrauchen das Leben, statt es wirklich zu benötigen. Aber wieder stört mich dieses „wir“. Eigentlich möchte ich über eine Krankheit sprechen.


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