Würde des Ortes

Ich erinnere mich an dieses „Entwicklungsprojekt“ mit touristischem Potential, ein „Leuchtturmprojekt mit Signalwirkung in die gesamte Region“. Ausgebaggerter Tagebau, Braunkohle, mittlerweile geflutet, Inwertsetzung einer Industriefolgelandschaft. Wo einst Felder und Wälder standen und in Dörfern Menschen lebten, jahrhundertelang, befand sich nun dieser klägliche Baggersee mit spärlicher Uferbegrünung auf den kargen und nährstoffarmen Ufertrassen. Wie „Dinosaurier des Industriezeitalters“ standen etagenhohe Kohlebagger und Förderbrücken herum, eisern und rostig, gewaltig. Ferropolis, Stadt aus Eisen. Melt-Festival. Camping und Wassersport. Als wir dort waren, dachte ich: Was will der Ort? Ich wußte oder ahnte, was die Menschen wollen – dafür gab es ja den Auftrag, Ideen zu entwickeln usw. Aber was will der Ort? Wie versteht man einen Ort? Indem man ihm zuhört und dort lebt, ihn nicht nur besucht und benutzt. Etwa so. Ich stellte mir damals vor, wir hätten eine kleine Hütte am künstlichen See und säßen im Winter vor dieser Hütte, niemand wäre mehr dort, viel zu kalt, wir säßen am Lagerfeuer und sähen zu den Sternen und hätten mit einem Mal eine leise Idee. Nichts überstürzen, wenn es um eine nachhaltige, also taugliche Zukunft geht.


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