Zementrohr

Als wir Kinder waren, stiegen wir in das Rohr. Es führte vom Dorfbach in Richtung der Felder. Es mochte einen Durchmesser von achtzig bis neunzig Zentimeter haben. Wir gingen gebückt und trauten uns in die Dunkelheit hinein. Eine Art Mutprobe. Das Herz schlug schnell und laut, doch das Abenteuer lockte. Immer weiter dieses Rohr entlang, ein Abwasserrohr der Kanalisation. Wohin es führte, wußten wir schon. Nach etwa einhundert Metern stieß es auf einen unterirdischen Kessel, gemauert aus Stein, in den Abflußrohre auch aus anderen Richtungen mündeten. Sah man in diesem Kesselrund nach oben, erblickte man durch kreisrund angeordnete winzige Löcher das Tageslicht. Über uns befand sich ein Gullydeckel. Wir stiegen in das Rohr ohne Taschenlampe oder Kerzenlicht. Unter unseren Füßen war es rutschig, denn das wenige Wasser, das dort floß, hatte Algen und Moose begünstigt. Wie alt waren wir damals – vielleicht zehn oder elf. Immerhin mutig, kriegerisch. Jeder von uns wäre gern feige gewesen, aber das ging nicht. Niemand von uns wollte wirklich dort hinein – und doch mußten wir es tun. Manchmal stellte ich mir vor, wie eine gewaltige Flutwelle uns erfassen und ertränken würde, und als Leichen trieben wir im Dorfbach dorthin, wo ich einst die Kadaver der Schweine des Nachbarhofes gesehen hatte, in kindlicher Vision. (Ich habe auch den Osterhasen gesehen, früher als die blassen toten Schweine.) Dann jedoch überlegte ich und wußte, daß derart viel Wasser nicht zusammenkommen könne in derart kurzer Zeit, und es regnete auch gar nicht. Aber die Angst wich nicht, sie blieb und würzte auf stechende Weise unsere verschwiegenen Gänge in den nahen Untergrund. Während ich dies notiere, spüre ich die Beklemmung von damals und bin auch stolz.


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