Im Drahtgeflecht

Wenn ich Antiquariate aufsuche, befällt mich Melancholie. Es riecht nach Papier, Holz und Staub. Mattsüßer Duft der verstrichenen Zeit. Öffne ein altes Buch, zwanzig oder fünfzig Jahre nicht gelesen, und rieche daran. Wie standhaft die Bücher sind, wenngleich auch sie vergehen. Fremdes Wissen in Lettern, fremde Welten – welch‘ Ehre, in sie eintreten zu dürfen. Ich hielt gestern einen Leinenband in den Händen, Der Mensch in Flammen von Antonio Rodriguez, erschienen 1967 im Verlag der Kunst, Dresden. Wie ein Anflug aus dem Gestern, eine Empörung, ein Aufruf. Wandmalereien in Mexiko, von den Anfängen bis zur Gegenwart, dargestellt in einem schweren, kundigen Buch. Besser ein Buch richtig lesen als tausend Bücher lasch und lustlos. Stimmt das? Ich weiß es nicht. Ich lese in letzter Zeit kreuz und quer und hin und her. Es scheint mir nicht recht zu sein, fast fühle ich mich schuldig, doch es geschieht. Ich bin offenbar unruhig, suche nach einem Ausgang aus dem Käfig.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Im Drahtgeflecht

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert