Ich kann mir hier doch nicht vor aller Augen die Ohren zuhalten. Ich sitze am Nachbartisch und höre mit an, was diese Profimänner und Lebenskenner von sich geben. Sie sind bestimmt schon Mitte dreißig oder sogar älter, tragen abgeschnittene Military-Hosen mit sechs Taschen oder mehr, Basecaps auf dem Kopf und Bartwuchs am Kinn, einige sind schon an den Schläfen ergraut, sie sind noch immer die Skater, sind seit zwanzig Jahren vielleicht vor allem dies. Ihr Gerede gilt einem Abwesenden, den ich zuvor erleben durfte. Kiffer mit Aggressionsschüben, er hat hier seit gestern Hausverbot. Sie redeten auf ihn ein, als sei diese Straßenbar ein Erziehungskollektiv. Sie sind im schlimmsten Gaukleralter, vermutlich wissen sie es oder müssen es ahnen. Ach, die Jugend, wie sie sich nicht halten läßt. Etwas Entscheidendes fehlt, aber wie lautet sein Name oder Begriff?
Es ist eine Eigenart der Bars, daß sie eine flockige Gesellschaft anlocken, die sich mit den Wochen oder Jahren dort etabliert und festsetzt. Die bestimmt dann den Ton und übernimmt. In diesem Fall sind es halbjunge Männer in der Verkleidung junger Männer, die Bescheid wissen und sich darin unecht gefallen.
Es gibt eine Art zu sprechen, die verrät, daß derjenige, der spricht, nicht denjenigen meint, der vor ihm sitzt, sondern vielmehr für Galerie spricht – jene also, die zuhören oder zuhören könnten oder zuhören sollten. Diese Art zu sprechen ist wie vor dem Spiegel. Einübung von Selstgefälligkeit könnte man sie nennen. Denn och gefallen sie sich ja nicht, die Sprecher solcher Galerie- und Spiegelbeiträge. Während um sie herum alle ächzen und einen Gott der Barmherzigkeit herbeisehnen. Daß die Spiegelsprecher nicht bemerken, wie sehr sie nerven, zeugt von Eifer und Verblendung.
Ich selbst beherrsche dieses Spiegelsprechen auch – wie sonst könnte ich es erkennen und benennen.
Abwesend ist das Wirkliche, dieses oftmals gekränkte Wahre.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.