Rot! ruft der, der die rote Seite der Karte sieht

Hätte der Begriff nicht andere Bedeutung in Geographie und Kartographie, würde ich Äquidistanz als das Wort wählen, das mein Bedürfnis ausdrückt, Unabhängigkeit zu bewahren und nicht in politischen Lagern verortet zu werden. (Die Mehrdeutigkeit des Wortes Lager ist diesbezüglich nicht zufällig.) Da die Krisenzustände einstweilen zunehmen, wird solches Distanzbedürfnis nicht honoriert. Man soll möglichst gleicher Meinung sein, das schafft Gemeinschaftlichkeit und Gemütlichkeit. (Die Zwei-Lager-Theorie sorgt assistierend für Übersichtlichkeit.) Mir geht es jedoch um die Anerkennung möglicher und wirklicher Standpunkte und Erfahrungen. Ich erkläre mir mein Insistieren damit, daß ich Ungerechtigkeit bereits als Kind nicht ausstehen konnte (viel Ärger dadurch in der Grundschule) und ich körperliche und intellektuelle Schmerzen spüre, wenn Teilansichten sich totalitär machen. Das ist, als werde die komplexe Wirklichkeit der Welt verletzt, als frästen sich welche durch und schredderten Leben entzwei. Ich habe auch wenig Freude am Linearen oder simpler Zweiseitigkeit. Die Anerkennung anderer Perspektive ist die Voraussetzung des fruchtbaren Gesprächs. Meine eigene Perspektive kenne ich ja bereits – so bedarf sie der Erweiterung, der Ergänzung, der Korrektur.


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