Hans Magnus Enzensberger (11.11.1929 – 24.11.2022)

Zum Tode gab es ein paar Pflichtbekundungen der zuständigen Feuilletons. Man sortierte den Verstorbenen neuerlich in die Kulturgeschichte der Bundesrepublik Deutschland ein, verpaßte ihm die bekannten Attribute (unbequem/widerspenstig/ideologisch unzuverlässig/opportunistisch) und bemerkte unausgesprochen zugleich, daß er sich nicht ernsthaft genug betrug, um bereits jetzt in die Ruhmeshalle der Unsterblichen überführt werden zu können. Ein Spieler, ein Gaukler, ein Händler der unbestimmten Jahreszeiten. Kommt darauf an, sagt er dir, wenn du fragst, was richtig und was falsch ist. Er ermutigt dich zum Sprung und warnt zugleich vor der harten Landung. Kein Moralist. Es gibt ein TV-Portrait aus seinen letzten Jahren, da sieht ihm die Kamera zu, wie er auf dem Markt einkaufen geht, irgendwo in München. Der Portraitierte spricht mit dem Gemüseverkäufer usw. Wenn solche Berichte erscheinen, gehört man zur Kultur und tut niemandem mehr weh, niemandem mehr gut. Man muß seinen Ruhm überleben lernen. Das hat er gekonnt, möglicherweise. Wenn jemand „populistisch“ war, dann Hans Magnus Enzensberger, doch antizipierte er die jeweils kommende Welle. Mit seiner instinktiven Klugheit hielt er sich schadlos. Kein deutscher Idealist. Insofern interessant. Ihm gegenüber oder entgegengesetzt Heiner Müller, ebenfalls 1929 geboren. Zwei Wege durch die deutschen Landschaften während und nach der Zerstörung.


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