Kommt ein Kind auf die Welt, ist es winzig klein und vollkommen schutzlos. Es hängt am Busen der Mutter und trinkt, und wenn es nicht gerade trinkt, schläft es oder schaut auf diese verschleierte Welt, die sich noch nicht differenziert hat. Alles ist eins, um das Kind und in ihm. Es gibt keinerlei Verantwortung, nur nacktes Sein. In jenem zarten Alter geht es ganz gewiß noch ums Überleben. Doch die Geburt ist ein Rauswurf, die Existenz der ersten Lebensmonate eine Geborgenheit zweiten Grades. Man könnte drin bleiben, doch dann dürfte man nicht länger wachsen und sähe nicht die Welt. Wer wachsen und die Welt sehen möchte, muß die statische Geborgenheit aufgeben. Dieser Preis ist recht hoch, wie mir jedesmal, wenn ich in der Badewanne liege und Musik höre, deutlich wird.
Es gibt kaum Orte oder Lagen, die ich als derart komfortabel und entspannend wahrnehme. Das körpertemperierte Wasser gluckert und plätschert träge, eine Kerze brennt auf einem Beistelltischchen, aus dem Zimmer nebenan kommt Musik herüber wie durch eine Membran. Alles ist sehr gedämpft und weich wie warmer Nebel. Ich fühle mich derart geborgen und wunschlos, daß ich vergesse, an dem Glas zu nippen, das neben der Kerze auf dem Tischchen steht. Ganz offenbar liege ich meinem Körperempfinden zufolge wieder in der großen Gebärmutterblase und lasse mich aushalten. Die pure Regression. Ein einmal eingespeicherter und unvergeßlicher Genuß. Unwiederholbar, doch in der warmen Wanne erfolgreich simuliert.
Erst das Phänomen, dann die Theorie. Seit ich überhaupt denken kann, liebe ich das entspannende Wannenbad. Erst vor ein paar Jahren überdachte ich die Vorliebe und kam auf die Idee, daß ich mit diesem Ritual an eine Zeit anknüpfe, als ich in einem Augenblick noch geborgen lag und dämmerte, im nächsten aber krampfartig und wie bei einem Erdbeben die warme Hülle des Hauses überstürzt verlassen mußte, viele Wochen vor dem festgesetzten Termin meines Auszugs. Da sich die Mediziner und Kinderpsychologen nebst den Freudianern einig sind, daß frühkindliche Erfahrungen ausschlaggebend sein können, weiß ich nun, daß ich eigentlich zurück möchte, um noch ein paar ruhige Wochen zu wachsen, ehe ich dann soweit bin, mit einem markerschüttertenden Schrei ins feindliche Leben zu rutschen. Man wird verstehen, daß ich es seitdem nicht mehr besonders eilig habe.
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