Schneller Text über die Schönheit kurzer Begegnungen

Dies wird ein schneller Text, genauso schnell wie meine Schritte eben durch den frischen Nieselregen dieses erneut kühlen Abends. Als ich das Haus verließ, dachte ich an den Coach, der so erfolgreich ist, daß er seine unbezahlbaren Tipps und Tricks zur Lebensführung auf der Wetterseite im Internet bewirbt. Er rät davon ab, Brot zu essen. Korn sei an allem schuld, deshalb würden die Leute fett, unzufrieden, unattraktiv und vor der Zeit alt oder krank. Auf der Straße sahen sie mich an, als könne man etwas lernen: denn ich lächelte und geriet gehend in den richtigen Schwung, um einen erfolgreichen Einkauf hinzubekommen. Am Geldautomaten stand ich kurz still, dann konnte ich aber schon weiter. Boomchickaboomboom. In der Gemüseabteilung griff ich mit der Sicherheit eines Schlafwandlers Tomaten und Pilze für einen Salat der Extraklasse. Vor dem Milchfach kniete die Einräumerin, die mich zuvor schon so nett angelächelt hatte. Ich bat um Entschuldigung und griff nach einer Packung über sie hinweg. Kein Problem, fand sie gut gelaunt. Ich sagte: Danke schön. Wenig später am Brotregal hätte sie mich fast über den Haufen gefahren, denn ich wich in letzter Minute falsch aus, als sie mit ihrem Transportrollwagen herangebraust kam. Sie hatte damit gerechnet, daß ich andächtig vor der Überauswahl des Brotaltars stehenbliebe. Blieb ich aber nicht. Trotzdem kam es nicht zum Zusammenstoß, denn ich sprang geistesgegenwärtig zur Seite und wartete im Schutz zweier Industriekuchenaufsteller wie zwischen parkenden Autos darauf, wieder auf die Fahrbahn zu dürfen, um meine ultimative Brotwahl zu treffen. Zwischen den langen Regalen für Papiertücher und Haushaltswaren begegnete mir erneut die Frau, die ich kurz zuvor vor dem Pfandautomaten vorgelassen hatte (was mir leicht fiel, da sie nur eine einzige PET-Flasche einwerfen wollte und überdies schöne traurige Augen hatte). Sie lächelte scheu. Schnell weiter. Die Kassierin war wie besoffen. „Stellnse mal das Ding hier auf, damit die Leute wissen, daß wir geschlossne Gesellschaft ham.“ Frage nach meiner Bonuskarte. Negativ. Ich zahle mit Karte. „Mal was ganz Neues“, sagte sie. Mit dem Kunden vor mir verband sie eine langjährige Kassenbekanntschaft zwischen Kunde und Kassierin. Das war deutlich zu spüren. Sie wollte dreizehn Cent von ihm (zwei Pilsator minus Pfandbon), er gab ihr zwanzig und sagte: „Stimmt so.“ Sie flötete: „Dan-ke.“ – „Schönen Feierabend dann später“, wünschte er. Sie versprach, nach Hause zu schwimmen. Ich stapelte meine Beute in den Beutel und kettete meinen Einkaufswagen wieder fest. Eine kleine Türkenprinzessin in weißem Kleidchen mit Flügeln, ihre Schwester und die Mutter verließen mit mir das Foyer. Eine rothaarige ältere Dame, die dort wartete, sprach die kleine Prinzessin an: „Na Schneewittchen, Rapunzel, Aschenbrödel – was bist du denn?“ Die Kleine wußte nicht, was sie sagen sollte, ich antwortete für sie: „Alles.“ Die Mutter mit Mantel und Kopftuch lachte, die beiden kleinen Mädchen ebenfalls, und die Rentnerin mit den Vorschlägen zur Rollenbeschreibung freute sich auch. Ich hörte noch, wie die kleine Prinzessin ihre Mutter fragte: „Was hat der Mann eben gesagt?“ Auch noch die Antwort der Mutter: „Alles, hat er gesagt. Du bist alles.“ Dann war ich um die Ecke und lief den langen Weg entlang eines Zaunes, hinter dem die Nierenstation liegt. Da parkte gerade ein grell gespritzter Rettungswagen, jemand wurde ins Gebäude geschoben. Das fesselte die Aufmerksamkeit eines blonden Mädchens, das noch gar nicht lange laufen kann. Ihrer sexy Mama mit den ausgezupften Brauen, der White-Trash-Bräunung und den stumpfschwarz gefärbten Haaren war das nichts wert, sie forderte gebieterisch: „Jetzt komm schon!“ Sie mußte ich als Ausnahme hinnehmen, da war nichts zu machen. Ich schritt munter weiter, am Hotel vorbei auf den schmutzigen Boulevard unserer Freude, unseres Leids. Ein lustiges Weib mit großen Brüsten sah mich an, als sei sie eine Frage: Na, ist an mir nicht eine Menge dran? Großartig, dachte ich. Da kam auch schon die Nächste: eine Nonne mit Brille am Rollator. Das Leben, das Leben, philosophierte ich ermattend. Erst die Brüste, dann das Gebet. Jesus vor Woolworth, es wird täglich besser. Jetzt muß ich los. Dies ist leider nur ein schneller Text über die Schönheit kurzer Begegnungen. Eigentlich geschah noch viel mehr. Mit dem Kioskmann besprach ich die Wettertendenz und zeigte mich optimistisch, was ich alles in allem wirklich bin. Doch jetzt wird der Text zu lang, daher hier nun ENDE.


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