Ceronetti (1927-2018) erfrischt mich. Auch Cioran (1911-1995) hat solch erquickende Wirkung. Liegt es am Pessimismus. Der kaut sich wie Tabak oder würziges Trockenfleisch. Keine falschen Versprechungen, kein naßforscher Optimismus. Sagen, was los ist und was nicht los ist. Der Geschmack herber Enttäuschung – die Enttäuschung von Liebhabern, die sich nicht mehr täuschen müssen. Insofern sind sie Freigelassene. Daß auch sie nicht frei von Eitelkeit und Koketterie sind, macht sie menschlich. Natürlich wußten beide, mit wem sie sich anlegten, und deshalb konnten sie sich gewiß sein, daß ihre Worte in den Ohren der Gegenwartsleute wie Blasphemie klingt. Denn die Gegenwart ist gläubig und hängt an ihren Illusionen und Irrtümern. Sie hat sie erfunden oder aufgefunden und läßt sich von deren Hervorbringungen bezaubern. Spielende Kinder am Abgrund. Ceronetti und Cioran – sie teilen miteinander Melancholie und Cholerik. Daß wir aushalten, was wir aushalten, ist das Erstaunliche. Woanders singen sie Ruhmeslieder auf die Errungenschaften und rufen zur symbolischen Steinigung der Ketzer.
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