Geordnetes Chaos

Es gibt diese familienbetonten Familien. Aus einer solchen stamme ich nicht. Es gälte als ungehörig, machte man viel Wind um so etwas wie Abstammung oder etwaiges Ausgezeichnetsein. „Wer nichts ist, braucht einen Stammbaum“, raunte mir mein Onkel zu, als wir es ein und einziges Mal zu einem Familientreffen brachten. (Das muß kurz nach der sogenannten Wende gewesen, dem Umsturz der politischen Verhältnisse in der DDR und der anschließenden Wiedervereinigung der deutschen Teilstaaten unter der Vormundschaft des westdeutschen Parts. So waren auch wir als Familie wieder vereint.) Das bedeutet nicht zwingend, daß wir wenig von uns halten oder gering über die Ahnen denken. Im Gegenteil. Es käme uns nur billig vor, sie oder uns derart hervorzuheben. Das ist es, was ich über meine Familie sagen kann. Alles andere ist privat. Unter uns ist keiner, der mit den Fingern schnipst und sich nach vorn drängt, um zeigen zu dürfen, was er kann oder weiß. Solche Leute sind uns peinlich. Wir halten nichts von Karriere. Karriere stößt uns zu. Wenn dieser Text wie ein verstecktes Selbstlob klingt, gebe ich zur Antwort, daß er ein unverborgenes, aber seltenes Lob sein soll, zu Ehren meiner verstreuten und unabhängigkeitsliebenden Familie. Bauern, Goldschmiede, Seefahrer, Wanderer, Holzfäller, Freigeister, Fuhrleute, Journalisten, Bildhauer, Köche, Lebens- und sonstwelche Künstler, Lehrer usw. Ich werde von Zeit zu Zeit ergänzen. Keine Ahnung, was meine zahlreichen Cousins und Cousinen treiben. Familien sind wie Staaten, in ihnen wimmelt und wuchert es, und niemand hat den Überblick.


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