Die Situationen

Von Zeit zu Zeit, alle zwei bis drei Generationen etwa, muß eine Zivilisation, die sich stabil gehalten hat, deren Institutionen intakt sind, deren ökonomische Basis gewährleistet ist, sich einer hübschen kleinen Kulturrevolution unterziehen, damit die Eliten nicht zu fett werden und das Denken und Handeln nicht verspießern. Dazu braucht es jüngere Leute, deren Sinnen vorerst nicht um Pfründe und Pöstchen (die Stelle) kreist, sondern um eine Neuordnung der überkommenen Verhältnisse – eine Umwertung der Werte, wenn man so will. Auch Kulturen müssen sich erneuern, ihre Substanz ist nach einer gewissen Zeit aufgebraucht. Das erkennt man an vielerlei Symptomen, vor allem daran, daß der Sinn schwindet (versickert) und mit ihm die Zustimmung. Orientierungslosigkeit macht sich breit, das Sektenwesen blüht auf. Absurde Ansprüche werden geltend gemacht, alles scheint mit einem Mal möglich zu sein. Zugleich sind alle Wege verstellt.

Solches erklärt mir, feiner noch ausgesponnen, eine Stimme im Kopf. Sie will mir helfen, die Situationen zu verstehen. Die Stimme sagt weiter:

Nicht eine Kulturrevolution wie die chinesische. Eher eine Revolte wie die der Studenten 1967/68. Was den Studenten zuzutrauen ist, muß derweil offen bleiben. Der Revolte zuvorzukommen bedürfte es grundlegender Reformen innerhalb vieler Bereiche. Doch eine Selbstüberprüfung des Systems ist schwierig. Es geht um viel Geld und jede Menge Interessen. Eine Politik, die das Land „zukunftsfähig“ machen möchte, wäre tatsächlich vonnöten. Fraglich scheint zu sein, in welcher Richtung nach einer Zukunft zu suchen ist. Fraglich auch, ob man mit einfachen Manövrierkommandos wie links oder rechts wird steuern können. Auch ein Zurück wird es nicht geben, da das Leben sich niemals zurückbewegt (auch wenn die Gespenster das wollen). Dialektisch gedacht müßte eine Synthese gefunden werden, sie könnte integrierend wirken. Niemand in Sicht, der für die Integration der widerstreitenden Lager steht. Die CDU wäre aufgerufen, solches zu leisten.

Die Stimme will noch weiter sprechen. Vielleicht höre ich ihr morgen wieder zu.


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