Sie lebt ja

Geburtstag derer, die uns gebar. Man spricht viel über Frauen. Sie hätte dazu einiges zu sagen. Als sie erzählten, daß es nicht ausreiche, Hausfrau und Mutter zu sein, lächelte sie. Als wir als Kinder sie fragten, ob sie nicht Karriere hätte machen wollen, schüttelte sie den Kopf. Meine vornehmste Aufgabe, erklärte sie, seid ihr. So bin ich nun und verdanke mich und lebe so frei wie möglich, denn das gefiel ihr so sehr. Gefragt, ob sie sich nicht Sorgen um ihren Sohn mache, als ich damals unaufhörlich unterwegs war per Anhalter und sogar bis Istanbul, dörflich besorgte Nachfrage von einer Nachbarin, sagte sie, nein, sie wäre vielmehr gern mit dabei. Das prägt und das sitzt. Aus solchem Holz bin ich geschnitzt oder möge es sein. Daß andere mit ihren Eltern, Müttern, Vätern, blöde und deprimierende Erfahrungen machen mußten, habe ich verstanden. Ich habe Glück gehabt. Seit fünfunddreißig Jahren ist sie tot, sie ist so tot wie der Mauerfall, sie starb nur früher.


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