Heute wieder Streik

Man hat aus Gott aus Gründen der Veranschaulichung eine Figur gemacht, die in Menschensprachen spricht und Befehle erteilt wie ein Lehrmeister oder erst- und letztbefugter Herrscher. Als Allegorie des Unaussprechlichen, des Tao von mir aus, des Geheimnisses der Welt, das diese zusammenhält und trägt, als Speicher menschlicher Erfahrung und des Wissens der Generationen über die Zeit- und Geltungsgrenzen hinaus, so die Hoffnung, würde das Bessere und Besonnenere sich durchsetzen. Daß dem Überweltlichen oder Absoluten stets die weltliche Herrschaft sich anleimte, darf nicht verwundern. Die Legitimation politischer Herrschaft wirft über die Jahrtausende hinweg ernsthafte Fragen auf. Ich vermag in Gott keine Figur des aktiven Handelns zu erkennen (vielleicht eher eine des Nichthandelns, da das Handeln sich stets von selbst erledigt), respektiere jedoch die Bilder und Vorstellungen und Zuschreibungen, die sich historisch-kulturell an ihn heften und lasse mich anrühren von Ergriffenheit und Hingabe. Das Personalpronomen hingegen ist trügerisch und verweist auf den Stand der jeweiligen Reflexion. Ist Gott eine Chiffre? habe ich mich schon gefragt, ist ein paar Jahre her. Was können wir denn sinnvollerweise annehmen, wenn von ‚Gott‘ die Rede ist? Manche würden sagen, daß überhaupt nichts sinnvollerweise anzunehmen ist. Mir ist anders zumute. Wenn ich an Gott oder auch die Götter denke, stelle ich mir vor, daß Ewiges angezielt werden sollte, und ich denke an Wahrheit, Sinn, Schönheit, Vollkommenheit, Ordnung. Nichts davon werden wir je zufriedenstellend erreichen, doch es wird versucht, und darin liegt die Tapferkeit der unsteten Menschenwesen. — Dies ist nur eine kleine Nach-Mitternacht-Skizze. Die Gedanken trage ich seit Jahren in mir und mag sie jetzt verkürzt notieren. Da die Menschen der Götter bedürfen, werden sie immer zur Stelle sein, wenn auch in wechselnder Besetzung. Auch so ließe sich sprechen. Insbesondere nenne ich die neuen Götter. Sie ließen sich leicht und schnell aufzählen, man kann sie überall lesen und hört von ihnen im Tagesgespräch; sie ziehen Zutrauen, Glauben und Hoffnung auf sich. Zu keiner Zeit sind die Götter aus dem Spiel, man täusche sich nicht.


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