Da ich dem Leben nicht gewachsen war, wollte ich es moralisieren. Zuvor zerstückelte ich es in Bereiche und heftete den Bezirken Namen an, die Begriffe hießen. So gedachte ich, der quälenden Sache Herr zu werden. Auch gefiel es mir, vermittels einer Theorie mich von oben über die Dinge herzumachen. Das versprach Erkenntnis ohne die Mühsal von Erfahrung. An ihr fehlte es, denn was ich erlebt hatte, verdichtete sich noch nicht zu etwas, mit dem sich arbeiten ließ. Entsprechend aufgeblasen führte ich mich in Gesprächen und Diskussionen auf, wortgewandt und wichtigtuerisch. So fängt man an als junger Erwachsener, als Debütant, als eine Art Versuch oder Entwurf intellektueller Existenz. Mit der Zeit, wenn man sich läßt und dem Körper folgt und den Sinnen, versöhnen sich Intellektualität und Existentialität, man bekommt eine eigene kleine Lebensgeschichte, und endlich wird man vorsichtiger mit den Worten und betrachtet Theorien mit der gebührenden Skepsis. Theorien sind Verallgemeinerungen, sie entwachsen der Lebenspraxis. Zurück zur ersten Aussage dieses kleinen Textes: moralisieren bedeutet „verabscheulichen“, nämlich Schwerverständliches, Unverstandenes oder Unbeherrschbares vorschnell abzufertigen, statt sich einer Mühe zu unterziehen und es ergründen zu lernen. Wer moralisiert, möchte nichts mehr von der Sache wissen. Moral moralisiert nicht. Das Leben ist bunt und vielfältig, wir sagen das oft und verstehen es wenig. Dem Leben gewachsen sein … Nun, ich mag es wieder und wieder versuchen. Zuletzt werde ich scheitern, das ist gewiß.
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