Natürlich gibt es die Deutschen nicht. – Man kann solchen Satz unterschiedlich betonen. Ich möchte ihn heute so verstehen, daß es die Deutschen eigentlich nicht geben kann, sondern immer nur bestimmte Deutsche, die dann als ‚die Deutschen‘ wahrgenommen werden. Jeder weiß, wie problematisch es ist, den Mitgliedern großer Kollektive gemeinsame Merkmale zuzuschreiben; wir kennen auch die Rede vom sogenannten Nationalcharakter, ebenso die endlose Suche nach dem deutschen Wesen.
Es gab zahllose Versuche, sich ihm zu nähern. Spontan kommen mir Syberbergs Filme in den Sinn: Ludwig – Requiem für einen jungfräulichen König (1972); Karl May (1974); Hitler, ein Film aus Deutschland (1977-1980). Ich denke auch an den „deutschen Sonderweg“ in der Geschichte, wie er eine Zeitlang von Historikern thematisiert und problematisiert wurde. Als die Deutschen noch verteilt auf zwei Staaten lebten und die Trennung sie neurotisch machte, verging keine Woche ohne ein „Nachdenken über Deutschland“.
Wer also sind wir? Welche Eigenschaften schreibt man uns zu? Man greift in den Beutel und zieht Kapseln wie bei einer Lotterie, öffnet sie und entrollt beschriftete Papierstreifen, auf denen beispielsweise zu lesen ist:
Rechthaber. Klugscheißer. Besserwisser. Ordnungsfanatiker. Denunzianten. Richter und Henker. Gemütlichkeit. Romantik. Idealisten. Ingenieure. Handwerker. Zwanghaftigkeit. Perfektionisten. Homogenität. Provinzler. Speichellecker und Radfahrer. Untertane. Tollpatsche. Sturzkampfbomber. Endsiegspezialisten. Biertrinker. Grillmeister. Jagd- und Forstaufseher. Kindergärtner. Schulmeister. Weltverbesserer. Getrenntzahler. Vereinsmeier. Herrenmenschen. Neidhammel. Berührungsängste. Fanatiker. Kleingärtner. Krähwinkelei. Schwermütigkeit. Grübelei. Tiefschürfer. Selbstunsicherheit. Flucht nach vorn. Mustermänner.
Ach, die deutsche Angst. Angst in allen Ausprägungen, hinzu noch die Angst vor der Angst. Seit die Deutschen sich sensibel geben, ist noch mehr Angst dazu gekommen. Angst, etwas falsch zu machen. Deshalb sind die Deutschen die Richtigmacher, und aus ihrem Richtigmachen haben sie Regeln und Vorschriften deduziert, mit denen sie die eigenen Leute und die fremden Leute pädagogisieren. Deutschland ist Richtigland und muß es bleiben, denn einst war es Falschland. Das soll es nie wieder werden. Daß es eine Dialektik gibt, nach der das Richtige ins Falsche umschlagen kann, scheint derzeit wenigen bewußt zu sein. Endlich sind Freund und Feind im Bürgerkrieg kaum mehr zu unterscheiden. Methodische Angleichung und Annäherung im gemeinsamen Werk: dem der Zerstörung.
Gestern war Feiertag. Heute ist der Tag danach. Die Sonne scheint. Die Deutschen sind mir egal, ich habe mit denen zu tun, die ich mag. Stoße ich auf welche, die ich nicht so mag, versuche ich sie mir schön zu machen. Dies geschieht, indem ich sie behandle, wie ich behandelt werden möchte: freundlich, zugewandt, hilfsbereit. Sind sie ganz schlimm, erprobe ich die positive Neutralität. Ich gönne den Schlimmen keinen Haß, selbst wenn es in mir tobt. Beim Schreiben darf es anders sein, da mag ich die Schärfe, hin und wieder. Wohl fühle ich mich anschließend nie, eher beklommen. Als hätte ich zuviel preisgegeben, als müßte ich mich meiner Leidenschaft schämen. Das wiederum ist vermutlich sehr deutsch.
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