Wer sagt, daß die eigene Wohnung vollends entdeckt ist? Kürzliche empfahl ich jemandem, er solle sich, wenn die Gedanken stocken und sich im Kopf nichts tut, auf den Boden setzen, sich an irgendeiner Stelle im Flur, im Bad, in der Küche niederkauern und warten. Er solle nichts erwarten, nur aufmerksam sein. Ich hatte letzter Tage den Eindruck, der Raum, in dem ich denke und schreibe, sei ausgesessen. Ausgesessen oder ausgepreßt wie eine Frucht oder ausgetrunken wie ein letztes Glas oder ausgeknockt wie ein Boxer in der elften oder zwölften Runde. Der Raum muß sich neu füllen, er enthält nichts mehr für mich. Das kennen auch Gesprächspartner, die sich am Abend in einer Bar treffen und nach drei Stunden angeregter Unterhaltung spüren, daß es ratsam ist, den Ort zu wechseln. Er regt nicht mehr an, er gibt nichts mehr her. Jetzt schreibe ich schon über Frauenfußball, dachte ich heute morgen, als ich mich der Eintragung der Nacht erinnerte. Dann las ich sie, las sie heute nachmittag erneut und hatte nichts auszusetzen. Vielleicht hätte ich besser ausführen sollen, wie ich mir eine Kollektivpsyche vorstelle. Andererseits: kann sich doch jeder selbst mal überlegen, wie so etwas aussehen oder funktionieren könnte. Wir sehen doch, was mit einer Mannschaft während eines Spielverlaufs geschieht: wie sie oben und unten ist, dominiert oder dominiert wird, sicher und unsicher sich abwechseln, Fehler sich häufen, mit einem Mal alles mißlingt, dann überraschend leicht gelingt. Da ist doch etwas: Geist? Seele? Ein Begriff wie team spirit trifft den Worten nach das Phänomen, verfehlt jedoch den Sinn, da spirit nicht nur bedeutet, daß die einzelnen sich gut verstehen, das ihnen Mögliche geben und die Mannschaft mehr ist als die Summe ihrer Spieler und ihres jeweiligen Vermögens. Doch wozu predigen? Jeder kann selbst beobachten, spüren, denken. Anregungen sind gut. Doch zurück zu Statik und Gewohnheit, Dynamik und Veränderung. Noch ein Trick, der besonders gut funktioniert, wenn man sehr, sehr müde ist und dennoch nicht nach Hause kann. Langsam gehen, nicht hetzen. Nicht die Pflicht schnell hinter sich bringen. Im Gegenteil: alles extrem verlangsamen, die Schritte, das Tun, die Wahrnehmung. So wird Müdigkeit zum Genuß. Ich nenne das ‚tiefer gelegt‘ und kenne es, seit ich als Neunzehnjähriger nach einer durchwachten Nacht nicht zu Bett ging, sondern in die Felder und allein am Waldrand entlang schlenderte und alles (wirklich alles) verzaubert war. Die Wahrnehmungsraster waren fort: die Eindrücke drangen ungefiltert ein. Ich leistete aus Kraftlosigkeit nicht den geringsten Widerstand. Der Wald wuchs in mich und der Tau des frühen Morgens badete meine Sinne. Ich war glücklich und hätte Stunden weiter taumeln können, sehr still, sehr nachdenklich, endlich verständnisvoll. Ein Gefühl wie nahe am Geheimnis. Es „herzustellen“ ist jederzeit möglich, nur vergesse ich es, da es nicht dem Alltag angehört, sondern dem Fest.
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