Die Anonymen Alkoholiker sollen Demut zeigen, sich schuldig bekennen, ein Bekenntnis ablegen. In der trostlosen Runde der Reue und des propagierten Neuanfangs sitzen sie beisammen wie Konfirmanden, die auf ein Ende der peinigenden Vorführung warten. Laut tickt die Uhr der eingeschlossenen Herzen. Sie identifizieren sich mit ihrem Problem, da sie mit ihm identifiziert wurden. Auf solche Weise sind sie verloren und werden es bleiben. Nicht einmal ihr Trinken dürfen sie verstehen. Daß sie es einsetzten gegen den Schmerz wie ein schwaches Medikament, daß sie sich frei fühlten für gewisse Zeit, daß sie sich Zugang verschafften zu versperrten Gebieten des Selbst. Stattdessen Torturen der Strafmündigkeit, ein puritanischer Exorzismus, eine erzwingende Entsagung – vor der Gemeinde der Sündigen. O happy day. Stets wird der Teufel sie begleiten, ein Glas reicht. – Wie gut, daß es die erste halbe Stunde von Fight Club gibt.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.