Ein richtiger Sommer muß uns Gemäßigte kochen, rösten, braten. Uns beibringen, wie fett und träge wir werden können, wie „lustlos voll von Lust“ (K. Wecker). Beim Verlassen des Hauses die Hitze wie eine Wand, die nicht endender Raum geworden ist. Die Luft wiegt. Sie steht. Manchmal ein Lüftchen. West- und Mitteleuropa werden umströmt, eine Omega-Wetterlage mit stabilem Hoch exakt zum Zeitpunkt des meteorologischen Siebenschläfers, der aufgrund der Kalenderkorrektur von 1582 zehn Tage nach dem 27. Juni anzusetzen ist. Aussicht auf einen heißen Sommer 2015. Ein richtiger Sommer muß uns fertigmachen, bis wir im September um Gnade winseln und froh sind, wenn es endlich kühler wird und wir wieder denken und reden können, statt dauernd nur zu stöhnen und ungenau zu arbeiten. Der Sommer hat soeben begonnen, und er fährt mächtig auf. Blütenstaub auf den Gehsteigen, ein azurblauer Himmel, wolkenlos. Hunde hecheln im Schatten, die Alten verlassen nur ungern das Haus. Hitzefrei in den Schulen. Bald die Großen Ferien, die beste Zeit, die es geben kann. Badeseen, Biergärten, Grillfeste, Girlanden und Lampions, Fahrten hinaus aufs Land, im Schlafsack am See und Mücken. Die Junikäfer im Taumelflug knallen gegen Köpfe und Körper. Das sind die männlichen Schwärmer auf der Suche nach den Weibchen. Die Torkelflieger sind kurze Zeit später im Gebüsch. Ihr Brummen schreckt auf und ärgert in Parks. Man mag nicht beflogen werden. Krach, Bruchlandung, wieder einer. Woanders fliegen Kampfflugzeuge, das mag trösten. Mitte Juli ist Schluß, dann sterben die plumpen Flieger. Wir machen weiter und geben uns dem Sommer hin wie Verrückte.
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