Eine Haltestelle inmitten der Weizenfelder unter blauem Himmel. Ein Wartehäuschen mit Sitzbank, ein Papierkorb, zwei Laternen, zwei Lautsprecher, ein Fahrplan und das Stationsschild: Weltmitte. Fünfmal am Tag hält ein Zug, je zweimal morgens und abends, einmal am Mittag. Das ist jetzt, die Sonne steht nahezu senkrecht über dem schattenlosen Bahnsteig. Im Wartehäuschen steht eine Kuh. Sie fährt sich mit der langen rauhen Zunge in die Nasenlöcher, schlägt mit der Schwanzquaste nach Fliegen und macht keinerlei Anstalten, den zum Gleis hin offenen Raum zu verlassen. Ich habe versucht, sie mit einem Schlag auf das Hinterteil dazu zu bewegen, dann geschoben. Vergeblich. Sie läßt sich nicht einschüchtern. Sie ist unerschütterlich ruhig und reagiert nicht auf Gefuchtel und Schreckgebärden. Ich rufe mir in Erinnerung, daß es woanders heilige Kühe gibt, und schäme mich ein wenig. Der Zug müßte in einigen Minuten hier halten. Es ist heiß, die Sonne brennt. Ich trage keinen Strohhut. Ich bin so albern verzweifelt, daß ich fast schon lachen muß. Die Kuh schaut mich an. Sie wird nicht mit dem Zug fahren, sie wird warten, bis die Sonne auf ihrer Bahn tiefer steht, um dann zurück zu den Ihren zu gehen. Am Horizont, wo die Gleise im perspektivischen Fluchtpunkt verschmelzen, wird ein Fleck größer und ist wenig später hier. Der Fahrzeugführer hält, die Bremsen quietschen. Mit einem Satz springt die Kuh aus dem Wartehäuschen und läuft den Gleis entlang zum Bahnübergang, wo mittlerweile die Schranke automatisch geschlossen worden ist. Ich steige ein, die Türen schließen wieder, der Zug fährt an, bremst dann aber scharf ab. Ich sehe, daß die Kuh nun genau auf den Schienen steht, wie eine Demonstrantin oder Selbstmordkandidatin. Der Zugführer betätigt das Signalhorn, fährt dann im Schrittempo auf das Tier zu, das endlich einige Schritte zur Seite macht und uns passieren läßt. An der Schranke steht ein Auto. Der Fahrer ist ausgestiegen und macht ein Photo mit dem Smartphone. Kuh stoppt Zug in Weltmitte. Ich bin der einzige Fahrgast. Ich möchte an den Weltrand, wo solche Zwischenfälle eher selten sind.
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