An einem Montag im März sitzt der Gefangene in seiner Wohnung und ist belagert. Um das Haus wimmeln die Putztrupps und reinigen den Hof. Die Vorhänge sind verschlossen, sonst könnten sie ihn sehen. Seine Wohnung ist eine dunkle Höhle, die er nur verläßt, wenn er muß. Es gibt Tage, da möchte er nicht gesehen werden und unter keinen Umständen sprechen. Tage des Rückzugs, Tage der Isolation. Klingelt es an der Tür, wird er nicht öffnen. Klingelt das Telephon, nimmt er nicht ab. Vielleicht ist er verletzt und leckt seine Wunden, katzengleich. Vielleicht ruht er nur aus und sammelt Kräfte für den nächsten Sprung. Heute abend hat er einen Termin. Er kann Termine nicht ausstehen, Verabredungen vermeidet er. Eine Frau freute sich vor kurzem, sie sagte: Du magst Menschen. Das kommt erschwerend hinzu. Misanthropen sind ihm die langweiligsten Leute. Denn die wissen Bescheid, und wer Bescheid weiß, dem ist nicht mehr zu helfen. Er glaubt, daß ein Leben nicht ausreicht, um zu wissen, was ein Mensch ist. Im großen und ganzen meint man sich auszukennen, aber im Kleinen und Feinen liegen die Geheimnisse. Denen sollte er nachspüren in den Stunden seiner Gefangenschaft. Dieses Gefühl der Gefangenschaft ist nicht völlig irrational, denn wenn er jetzt die Wohnung verläßt, muß er grüßen und ein paar Worte verlieren: über das Wetter, die tüchtige Arbeit und darüber, wie gut der Hof jetzt aussieht. Sonst halten sie ihn für seltsam oder krank. Es ist nicht gut, wenn die Menschen einen für seltsam oder krank halten. Sie stoßen einen dann aus, und sei es unmerklich. Das ist nicht ungefährlich. Altes Gesetz. Man muß sich auch als einzelner auf Politik verstehen. Die Politik des Individuums besteht aus kluger und umsichtiger Diplomatie. Wenn man sich zeigt, zeigt man sich nach Möglichkeit freundlich. Er hält seine Launen für nicht präsentabel und meidet die Launenhaften. Wenn er unter die Menschen geht, hört er sich deren Geschichten an und findet sie recht interessant. Etwas sagt ihm, daß diese Geschichten mit dem Leben zu tun haben, das er nicht mehr lebt. Er hat es früher auch gelebt, doch dann gab es da diesen Riß. Wann es gerissen ist, weiß er nicht mehr. Vor ein paar Jahren, würde er antworten, um nicht zu genau zu werden. Der Riß ereignete sich nicht eines Tages, er vollzog sich in einer längeren Bewegung, wie man ein Leinentuch zerreißt. Einzelne Gewebefäden verbinden noch, doch schließlich hält man in jeder Hand einen Fetzen. Der Anschnitt ist wichtig. Er empfindet sich zuweilen derart abgetrennt vom Leben, daß er laut lachen muß. Das habe ich ganz allein geschafft, sagt er sich dann stolz, die anderen haben nur ein bißchen nachgeholfen. An guten Tagen weiß er, daß er genau so lebt, wie er leben möchte. Seine dunkle Höhle ist ausnehmend schön, warm und gemütlich. Daß vieles so zerstreut liegt, ist Ausdruck eines Respekts für den wahren Augenblick und den freien Fall der Dinge. Aufräumen ist eine Form von Gewalt. Derweil werden Werte errichtet und Werte zerstört. Während er über die Bedeutung des Risses nachdenkt, verrichtet das Leben draußen mittels der Menschen seine Geschäfte. Er ist sich nicht sicher, was er mit ihnen allen zu tun hat. Sie teilen die Last und Lust des Menschseins. Auch er muß einkaufen, kochen, essen und schlafen. Sie träumen, er träumt. Manchmal sind sie verzweifelt, und wenn er das sieht, möchte er sie in den Arm nehmen. Er denkt an den Satz eines Mädchens: In unserer Familie ist keiner gut im Trösten, außer meiner Mutter – gerade sie, die selber Trost braucht. Man muß achtgeben, daß man das Herzleid in Grenzen hält. Oft ist es gar nicht auszuhalten. Er verläßt das Haus, wenn er arbeiten muß. Er verläßt das Haus, wenn er spazieren geht oder die Bar seines Vertrauens betritt. Er weiß, daß es wichtig ist, unter Menschen zu sein. Man wird sonst verrückt. Die Sinne brauchen Nahrung, sonst zerfleischt der Verstand sich selbst. Den Verstand darf man nicht mit sich allein lassen. Er weiß, warum die Gespräche über das Wetter so wichtig sind. Da stimmt sich das Individuum ab, vergleicht die Werte, pegelt sich ein, nimmt Maß. Ticke ich noch richtig? Entspricht meine Wahrnehmung der der anderen? Oder bin ich schon ganz allein und draußen und weit weg, driftend? Alle vernünftigen Menschen fürchten, eines Tages wahnsinnig zu werden. Eine alte Frau steht nach Mitternacht fröstelnd im Nachthemd auf der Straße und wartet auf den Wagen der Sozialstation. Es ist kalt, sie zittert. Eine Passantin, eine Fremde, sieht das, spricht mit ihr, führt sie zurück in die Wohnung und bringt sie ins Bett. Wie man ein schlafwandelndes Kind beruhigt und zu Bett bringt. Die alte Frau steht des öfteren dort draußen, zwar noch innerhalb unserer Raumzeit, doch außerhalb unserer Taktung. Der Wagen der Sozialstation kommt morgens, nicht kurz nach Mitternacht. Sie ist verwirrt, nachlassende Geisteskraft, Teile des Denkens haben sich abgekoppelt und spielen ihr grausames Spiel. Die Passantin sagt, man solle das nächste Mal die Feuerwehr rufen, denn jemand müsse sich schließlich kümmern. Die erfriert ja da draußen. Er weiß, daß das alles gleichzeitig geschieht. Die Dame, deren Uhr anders tickt, jetzt in ihrer Wohnung, vielleicht beim Abendessen oder vor dem Fernseher. Es geschieht ja so viel in der Welt. In ein paar Stunden wird sie wieder diesen inneren Befehl vernehmen und sich auf den Weg nach unten machen, damit die freundlichen Fahrer von der Sozialstation nicht auf sie warten müssen. Woanders ein kleiner Hund vor dem Supermarkt, angebunden an den Fahrradständer, winselnd und heulend, weil Herrchen nicht kommt. Es ist dunkel geworden, die Belagerung ist längst vorüber. Abends kehrt Ruhe ein. Nachts legen sich die meisten Menschen schlafen. Dann ist es am schönsten. Die Nacht sei unheimlich, heißt es. Da setzt man seinen Fuß nicht vor die Tür, da sind alle Katzen grau. Da verbündet man sich mit dem Mond und verbindet sich den Sternen. Da ruhen die Geschäfte, da herrschen andere Sitten.
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