Läßt sich ermitteln, wann in der Kulturgeschichte des Menschen die ersten Stätten eingerichtet wurden, an denen Menschen ungeachtet ihrer Zugehörigkeit zu Familie, Sippe oder Clan gegen Bezahlung zu trinken bekamen, ohne daß dieser Ort eine bloße Quelle oder ein Brunnen war? Eine Taverne, Schankstube oder Speisestätte als frei zugänglicher gastlicher Ort für zahlende Fremde oder Bedürftige – seit wann?
Vermutlich werden Herbergen eine Rolle gespielt haben, in denen durstige und hungrige Reisende absteigen mußten, um zu nächtigen und sich zuvor noch zu stärken und zu erfrischen. Wer ortsansässig, aber frei und ungebunden war, wird sich ebenfalls dorthin begeben haben, denn diese Stätten waren Orte des Austauschs von Geschichten und Gerüchten, von Neuigkeiten und Geschwätz. Erfaßte einen die Langeweile, ging man sicher hinüber. War man neugierig, ebenso. Packte einen das Fernweh, ging man hinüber. Dort tranken, lärmten und spielten sie. Es gab Wein, Tanz, Würfel- und Kartenspiel, tolldreiste Gefechte von Wortwitz und Degen.
Manche kamen von weit her, andere vertrieben sich ein paar müßige Stunden. Ärger war vorprogrammiert. Nicht einmal Dörfler unter sich halten Ruhe, was erwartet man, wenn Fremde kommen mit unvertrauten Ansichten und eigenartigen Gebräuchen. Der Wirt hatte Angst um seinen Ruf und das Mobiliar. Der gastliche Ort lockte das Gesindel an. Einem Trunkenen war leicht aufzulauern. Daß es lohnte, hatte der Arme leider selbst verkündet, Stunden zuvor in einer Auseinandersetzung mit einem Kavalier, der sich eines unerhörten Vermögens brüstete. Die Polizei hatte viel zu tun. Die Anwohner klagten. In der Nacht sind nicht nur Katzen wach. Fragt die Eulen.
Dieser Erfindung, die sicher nicht die Leistung eines einzelnen war und auch nicht die einer bestimmten Zivilisation, verdanken wir viel. Wohin sich wenden in der Wartezeit, der leeren Zeit, der Neugier- und der Ausschreitzeit? Der Zeit der Wölfe und des Monds. Wohin sich wenden, wenn die eigenen Wände näher rücken und die Decke sich senkt? Wenn einen die eigenen Gedanken befangen machen, wenn der Stumpfsinn aufstampft und die Geister, die man sich hereingeholt hat in Büchern, Schallplatten, Bildern und Filmen, einen auslachen. Wenn man sich selbst zum schlechten Witz wird. Wenn man sich in die Wanne legen möchte, um endlich Schluß zu machen mit diesem denkend-fühlenden Unsinn. Wenn man ganz sicher nicht einen Freund damit belämmern möchte, daß man sich erneut grundlos krank fühlt. Kennt jeder, mein Gott. Und doch ist es ernst. Man könnte es tun, so wie die Helden.
Dieser Erfindung verdanken wir viel. Wen belästigen, wenn man außer sich ist und tanzen möchte? Wenn der ganze Nachmittag und Abend ein einziges Fest der schnellen Sinne war. Wenn die guten Gedanken querschossen wie Projektile eines ungezielten Verstehens. Jeder Schuß ein unabsichtlicher Treffer, meine Güte, was ist los mit mir. Schnell raus. Nein, lieber ganz langsam hinaus. Erstmal Schritte tun in frischer Luft, gut ausschreiten, atmen, zu Sicherheit und Ruhe kommen. Man kann sich derart derangiert doch nicht anbieten. Man möchte sich auch gar nicht anbieten und schon gar nicht verabreden. Bei Verabredungen kommt es zu verabredeten Gesprächen. Man muß ein wenig artig sein, jedenfalls rücksichtsvoll. Dieses jähe Ereignis kam jedoch unverabredet und rücksichtslos. Jetzt will es gelebt und in Bewegung umgesetzt werden. Wohin sich wenden, nachdem man etwas abgedampft ist? Nachdem man die Bewegung vollzogen hat, federnden Schritts durch die Gassen des grausamen Mißlingens. Dann geht man ganz ruhig und scheinbar aufgeräumt in die Bar seines Vertrauens, nimmt Platz und bestellt ein geistiges Getränk.
Bar des Vertrauens bedeutet: man muß sich nicht blöd vorkommen. Was daran liegt, daß man bekannt ist und insofern gerechtfertigt. Man gehört zur Mischpoke, jiddisch für Familie, Sippe. Das entlastet. Man muß sich nicht beweisen, nicht zeigen, daß man gutartig und alles in allem harmlos ist. Aber wer möchte schon harmlos sein? Man ist heute abend ganz sicher alles andere als harmlos, in Wahrheit nämlich geladen an Sinn und Bedeutung. Was in jedem Fall gefährlich ist, denn dieser Stoff ist rar und teuer. Wüßte das jemand, man wäre seines Heimgangs nicht sicher und würde ausgeplündert werden. Wenn sie nur wüßten, wo der Stoff steckt. Man kann ihn nicht riechen. Verdammte Scheiße. Total immateriell.
So geladen auf einen der Plätze in der ersten Reihe. Man grüßt artig nach links und rechts, hinten und vorn. Vorn steht der Barmann, hinten sitzen sie an den Plätzen, neben einem diejenigen, die auch gern nah an der Quelle sind. Nun die Bestellung. Einen Salbeitee bitte, mit ein bißchen Zucker. Man muß runterkommen von Kaffee und Wahn. Austausch von essentiellen Informationen, damit der jeweilige Nachbar weiß, wie in etwa die Sache liegt oder steht. Sie liegt alles in allem bestens, nur daß man etwas euphorisch ist und etwas zu schnell im Kopf. Man müßte schneller sprechen, als es dem anderen lieb ist, also läßt man es. Im eigenen Kopf aber dieser Takt, dieses …
Ich dachte (und sagte) früher einmal, die Kneipen seien Sozialstationen, wo schlechtbezahlte Leute Medikamente ausgeben und zuhören, was die Patienten plagt und drückt. Das war schäbig gedacht. Warum in Bars? Weil man dort vertraut ist und doch fremd bleibt. Weil sie ein Ort des Zwischen sind, den man jederzeit wieder verlassen kann. Darin der Schleuse ähnlich, den Zollstationen, Flughäfen, Bahnhöfen. Orte des Umschlags, ja. Doch die Bar ist zugleich ein Ort des frohen oder traurigen Verweilens. Wer dort zahlt und sich nicht auffällig dumm oder unangemessen benimmt, ist willkommen und darf bleiben oder sogar wiederkommen. Nirgendwo fühlt sich Einsamkeit ähnlich richtig an. Die Geschichten, den Klatsch und die bemerkenswerten Neuigkeiten gibt es obendrein, nebst Mißgunst, Eifersucht und echter Hilfe. Wo Menschen sind, herrscht Gerangel. Das kann sich nicht ändern.
Das Thema ist unerschöpflich. Man muß weit ausholen und zwischendrin ruhen.
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