Ein Junge stellt mir die Frage. Ich bin völlig überrascht. Wer kennt oder liest denn heute noch Nikos Kazantzakis? Sie lesen eine Geschichte von ihm in der Schule, die Parabel Die Blinden. Als wir Schüler waren, präsentierte uns der Religionslehrer einige Passagen aus Rechenschaft vor El Greco, am letzten Tag vor den großen Ferien. Wir waren unruhig und konnten sie kaum erwarten: unsere kleine große Freiheit. Es war also gut, daß er vorlas und uns nicht leise lesen ließ. Niemand hätte sich zu konzentrieren vermocht. Die Sätze machten ungeheuren Eindruck auf mich. Ich brauchte vier oder fünf Jahre, ehe ich mir endlich das Buch kaufte, las es dann innerhalb weniger Tage.
Manchmal ist das so. Ein Buch erscheint einem als hoch und heilig, man spart es sich auf, wartet noch. Falsche Monumentalisierung möchte ich mir rückblickend vorwerfen. (Ähnlich verhielt es sich mit Nietzsches Zarathustra, aus dem ich nur Abschnitte las, nie das ganze Werk. Ich nahm es mir vor kurzem erst vor und war enttäuscht, auch wenn es dort dauernd blitzt und donnert.) Doch ist es wohlfeil, sich mit späterem Wissen „nachträglich in den Rücken zu fallen“, wie Nietzsche das nannte. Es gibt nichts zu bereuen. Nicht deshalb, weil man alles richtig gemacht hat. Weit gefehlt. Sondern deshalb, weil man doch genau weiß oder wissen könnte, wie man damals dachte und was einen bewog, so zu handeln und nicht anders.
Es muß eine Scheu gegeben haben, daß ich so lange wartete. Wenig passiert ohne Grund, zum Glück. Ich mußte vermutlich selbst erst ein paar Dinge erleben und durch unterschiedliche Gegenden streifen, ehe ich bereit war für diesen Lebensbericht eines modernen Pilgers. Kazantzakis besuchte Orte, die ihm eine Antwort geben sollten auf die beiden großen und drängenden Fragen seines Lebens: Was ist der Mensch? Was ist Gott? Er fragte mit einer Dringlichkeit und Leidenschaft, als hinge von den Antworten sein Leben ab. Manche Menschen sind so, sie begnügen sich nicht mit einem Achselzucken.
Auf der Insel Kreta sucht er nach seinen Vorfahren, „blutdürstigen Piraten“ und „farblosen, gutmütigen Bauern“. Er weiß, daß man weit zurückgehen muß, wenn man verstehen möchte, welche Gewalten einen anziehen und abschrecken. Eine Pilgerfahrt zum heiligen Berg Athos mit seinen vogelnestartigen Klöstern wird zur herben Enttäuschung. Die christusgläubigen Mönche sind korrupte, jämmerliche Schwächlinge. Er besucht Jerusalem und begibt sich in die Wüste Sinai, um den Gott der Juden zu suchen. Paris wegen Henri Bergson, der dort lehrt, eigentlich aber wegen Nietzsche, der ihn angesteckt hat. „Ich wußte, daß das weibliche Herz des Menschen stets des Trostes bedarf und daß der Verstand, der superkluge Sophist, immer bereit ist, ihm zu dienen.“ Er reist nach Moskau, um die neue Religion, den Kommunismus, zu studieren, dem er sich eine Zeitlang verschreibt. Derweil leistet der Buddhismus in ihm seine Zersetzungsarbeit. Reisen nach China und Japan, und so fort.
An einem Ort den Geist dieses Ortes suchen. Wissen, daß das Wissen aus den Büchern das eine ist, das Wissenwollen der Sinne ein anderes. Nichts Ungeheuerlicheres unter der Sonne als der Mensch, zitiere ich Kazantzakis manchmal, weiß aber gar nicht, wo dieser Satz zu finden ist und ob er überhaupt von ihm stammt. Vielleicht habe ich ihn nur geträumt. Der Mensch in uns kämpft mit sich, denn wir werden nach oben gezogen und nach unten gedrückt. Wir können nicht ganz hinauf, aber ziemlich tief nach unten. Das Fleisch fordert sein Recht, doch der Geist rebelliert. Beide haben recht, es gibt keine Lösung. Darum suchen wir.
Hier stehen viele deiner Freunde – der Satz aus dem Antiquariat. Dort stehen auch die ins Deutsche übersetzten Werke des leidenschaftlichen Herrn K. und warten. Für Kazantzakis gibt es kein totes Wissen. Er macht es sich zu eigen und haucht ihm menschliche Wärme ein. Er ist unfähig zur Distanz, er muß lieben oder sich abwenden. Darin mag man eine Schwäche erblicken. Es kann ein einziger aber nicht alles sein. Wer die Distanzierten schätzt, wird sicher einen finden. Distanz ist sicherer, sagt auch der Scharfschütze, der im Hinterhalt liegt und nicht wirklich weiß, wen er in den nächsten paar Sekunden erlegen wird.
Blasiertes Geschwätz über die neueste Tralala-Theorie, der man aus Langeweile, Statussicherung oder Erfahrungsarmut nachrennt, sind Kazantzakis ebenfalls begegnet. Nur zählt das ja gar nicht, ist völlig uninteressant. Der Geist möchte beschäftigt sein, und es ist jedermanns eigene Sache, an welche Stätten man ihn führt. Das Schöne an Tralala ist ja, daß seine Anhänger sich damit zu erkennen geben. Auch Tralala muß es geben, sonst lesen plötzlich alle Kazantzakis.
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Holger, wunderbare Texte.
Für einen wie mich, der, wenn er seinen Computer anschaltet, gewohnheitsmäßig auf seine zwei bis drei Nachrichten- Satire- und Fußballinformationsseiten zurückgreift, eine gute Alternative.
Interessant, das Thema Distanz: Man könnte meinen, diese Kommunikation von Monitor zu Monitor hätte auch etwas damit zu tun,
aber es fühlt sich überhaupt nicht so an, und das hat vielleicht etwas damit zu tun, daß es hier nicht um Streichholztricks und fertige Witze geht.
Irgendetwas ist im Gange, und ich glaube, wir haben alle keine Lust mehr, die perfekten Konsumenten zu sein, und uns daran auch noch zu erfreuen.
„Mondwald“ ist übrigens ein schönes Wort, und es ist prompt ein Klavierstück daraus geworden!
viele Grüße von
Dirk