Nicht modern, nicht abgeklärt

Ein Flugzeug stürzt ab, alle Insassen sterben. Eine deutsche Fluglinie, deutsche Tote. Der Fall rückt näher. Barcelona-Düsseldorf, man hätte selbst in der Maschine sitzen können. Oder Freunde, Verwandte, Bekannte. Ein nationaler Schreckmoment für Tage. Die Gruppe in Gefahr, jeder von uns könnte auf diese Weise sterben. Wer demnächst fliegen muß oder möchte, ist alarmiert. Wer mit diesem Flugzeugtyp oder dieser Airline zu tun hat – alarmiert. Suche nach der Unfallursache. Die Ursache muß gefunden werden, denn ich fliege, du fliegst, alle fliegen.

Ein Statistiker rechnet vor laufender Kamera, wie sicher das Fliegen ist. Die Wahrscheinlichkeit, bei einem Flugzeugabsturz ums Leben zu kommen, liegt bei nullkommanullnullnullnullundsoweiter Prozent. Während er das erklärt, huscht ein unmerkliches Lächeln über sein Gesicht. Er ist Flugstatistiker, vielleicht amüsieren ihn irrationale Reaktionen. Die Zahlen lügen nicht. Und tatsächlich leben wir in statistischer Sicherheit und fliegen entsprechend. Nur will uns das nicht beruhigen. Die Angst vorm Fliegen ist zurück. Sehr weit fort war sie nie.

Wäre die Maschine über Australien abgestürzt oder im Anflug auf Lima, hätten unsere Nachrichtensender den Unfall gemeldet, den Fall jedoch nicht sonderlich intensiv verfolgt. Fernes Leid in ferner Landschaft. Eine Meldung, keine Story. Doch nun sind wir betroffen, daher zwangsinteressiert. Archaisches Sippen- und Stammesdenken bricht auf. Die Gruppe ist alarmiert. Wer gehört zur Gruppe? Die Toten gehörten zur Gruppe. Wir gehören zur Gruppe, sofern wir nicht entschieden haben, niemals zu fliegen (aus liebenswerten Gründen sicherlich). Doch selbst dann sind wir Teil der Gruppe und fühlen mit.

Das führt vor Augen, wie wir wahrnehmen und empfinden. Der Titelsatz von Bruno Latour kommt mir in den Sinn: Wir sind nie modern gewesen. Jedenfalls empfinden wir nicht durchgehend so (sofern sich modern empfinden läßt). Wären wir modern und aufgeklärt, müßten wir sagen: Verkehr fordert Opfer, immer. Es gibt keinen Verkehr ohne Opfer. Das hat vielerlei Gründe. Wir können die Zahl der Opfer minimieren (daran wird gearbeitet), doch ganz ohne Tote und Verletzte wird es nicht ausgehen. Anschließend der Hinweis auf die früheren Zeiten, als nahezu alles am Leben  gefährlicher war. Einfühlsam wäre das nicht, aber wahr.

Doch wir sind nicht modern und in diesem Sinne kalt und abgeklärt. Wir empfinden, als komme nachts der Wolf und hole die Schafe, als sei im Nachbarsektor der Feind eingebrochen, als bedrohe der Lebensüberdruß eines einzelnen Fliegers die gesamte Nation. Wir brauchen gute Nachrichten, damit wir wieder flugfähig werden. Man muß eine technische Lösung finden, damit auch dieser Einzelfall ausgeschlossen werden kann. Daß nämlich ein einzelner lebensmüder Mensch allein im Cockpit sitzt und die Sache beendet, die auch Sache derer ist, die vertrauensvoll hinter ihm sitzen.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Nicht modern, nicht abgeklärt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert